Entwurf

Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
Stiftung der Deutschen Wirtschaft
Verband Deutscher Schulgeographen e.V.

 

 

M e m o r a n d u m * (2001)

 

 

Stärkung des Faches Geographie auch als Vermittler von wirtschaftlichen Kenntnissen in der Schule notwendig

 

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die Stiftung der Deutschen Wirtschaft (hier zusammengefasst unter „Wirtschaft“) und der Verband Deutscher Schulgeographen e. V. (VDSG) sehen sich in der Verantwortung,

 

die Aufgabe der allgemeinbildenden Schule in dem Sinne zu stärken, dass sie Schülerinnen und Schüler zu einer selbst- und mitverantwortlichen Teilhabe in einer sich ständig wandelnden Arbeit- und Wirtschaftswelt befähigt.

 

Sie stimmen darin überein, dass sozioökonomische Bildung ein wesentlicher Bestandteil der Allgemeinbildung ist und damit einen hohen Stellenwert in der allgemeinbildenden Schule einnehmen muss.  Sie verstehen sozioökonomische Bildung als interdisziplinär und praxisorientiert. Sie behandelt ökonomische, soziale, ethische, politische, rechtliche, ökologische und technische Zusammenhänge von Arbeit und Wirtschaft.

 

Die Wirtschaft erkennt an, dass die moderne Geographie sich in ihrer Teildisziplin Anthropogeographie als Wissenschaft versteht, die primär den Menschen in seinem sozial-kulturellen Kontext sowie das Werden, den Zustand und die Entwicklung sozioökonomischer Strukturen betrachtet. Sie ist interdisziplinär und praxisorientiert. Sie behandelt ökonomische Zusammenhänge von Arbeit und Wirtschaft sowie ihre Auswirkungen im Raum und bezieht bei der Betrachtung soziale, ethische, politische, rechtliche, ökologische und technische Zusammenhänge in unterschiedlicher Intensität ein. Die Geographie an der Schule vermittelt diese Betrachtung im Fach Erdkunde / Geographie in den Klassenstufen in altersangemessener didaktischer Reduktion.

 

Der VDSG stellt fest:

Trotz der bedeutsamen geowissenschaftlichen und sozioökonomischen Themen der Geographie und ihrer didaktischen Aufgeschlossenheit gegenüber den „neuen“, offenen Unterrichtsformen ist der Geographieunterricht an Schulen der „alten“ Bundesländer in den vergangenen 20 Jahren durch bildungspolitische Beschlüsse in den Stundentafeln aller Schularten ausgedünnt worden. Auch in den „neuen“ Bundesländern verlor die Schulgeographie in den 90er Jahren an Bedeutung. Das blieb trotz der Einsprüche von Seiten des Verbandes Deutscher Schulgeographen von der Öffentlichkeit, auch von den Interessenverbänden der deutschen Wirtschaft, weitgehend unbeachtet. Der Verband Deutscher Schulgeographen hat davor gewarnt, dass durch unzureichende geographische Bildung nicht nur die ökologische, sondern auch die ökonomische Bildung der Bevölkerung reduziert wird. Inzwischen ist Geographieunterricht in vielen Klassenstufen heute nur noch einstündig oder als Teil von fachlich unklaren Integrationsfächern oder sogar gar nicht mehr vorhanden.

 

Die Wirtschaft stellt fest:

Auch im Geographieunterricht der Schulen ist die Notwendigkeit  wirtschaftlicher Bildung bisher noch nicht angemessen berücksichtigt. Die Ausbildung der Geographielehrer legt noch zu wenige Schwerpunkte im Bereich ökonomischer Bildung, wenngleich Wirtschaftsgeographie heute ein wesentlicher Teilbereich der Geographie ist. Bei der Behandlung raumbedeutsamer wirtschaftlicher Inhalte wird neben den volkswirtschaftlichen Aspekten noch zu wenig auf betriebswirtschaftliche eingegangen. Die Wirtschaft erkennt aber das Bemühen der Geographie an, Defizite im Bereich wirtschaftlichen Unterrichts aufzuarbeiten.

 

Die Wirtschaft und der VDSG sind sich darin einig, dass es nunmehr an der Zeit ist, die schleichende Reduktion des geographischen Unterrichts, die auch die wirtschaftliche Bildung betrifft, zu beenden. Deshalb unterstützen sich VDSG und Wirtschaft wechselseitig in ihren Bemühungen, geographische und wirtschaftliche Bildung in deutschen Schulen zu stärken und zu intensivieren.

 

Denn sozioökonomische Zusammenhänge sind fachimmanente, zentrale Inhalte der Geographie und des Geographieunterrichts. Die Frage nach der Lebensweise und den Lebensbedingungen von Menschen im lokalen, regionalen und globalen Maßstab ist ohne Einsichten in die wirtschaftlichen Aktivitäten nicht möglich.

 

Wirtschaft und VDSG halten geographische Bildung nach wie vor für unverzichtbar. Dies ist auch öffentlich wiederholt geäußerte Auffassung aller kultuspolitisch Verantwortlichen in Deutschland.

 

Die Wirtschaft sagt daher zu, sich für die Stärkung des Faches Geographie an den Schulen in Deutschland und seiner sozioökonomischen Inhalte einzusetzen. Das schließt nicht aus, dass von Seiten der Wirtschaft parallel dazu auch in anderen Fächern verstärkt die Unterrichtung wirtschaftsbedeutsamer Inhalte eingefordert wird.

 

Gesellschaftswissenschaftliche und damit wirtschaftliche Bildung kann aber nur dann erfolgreich vermittelt werden, wenn den entsprechenden Fächern auch der Rang innerhalb des Schüleransehens zukommt, der ihrer Bedeutung entspricht. Haben  - wie zur Zeit - die anerkannt relativ schwierigen gesellschaftswissenschaftlichen Fächer wie die Geographie mit entscheidenden wirtschaftlichen Inhalten in den letzten beiden Schuljahren des Gymnasiums oft nur untergeordnete Bedeutung bei der Abiturprüfung und können sie durch andere Fächer ersetzt werden, so pendelt sich das Lernverhalten der Schülerinnen und Schüler auch eher auf die anderen, leichteren Fächer als auf die ein, die fachimmanent wirtschaftliche Inhalte vermitteln. Die Wirtschaft setzt sich daher dafür ein, dass auch die Fächer des gesellschaftswissenschaftlichen Bereichs mit anerkannt bedeutsamen wirtschaftlichen Inhalten in der Abiturprüfung ein eigenständiges Gewicht bekommen.

 

Die Wirtschaft sähe es als optimal an, wenn in den Fächerkanon der Schulen ein Schulfach „Wirtschaft“ integriert werden könnte. Die Erfolgsaussichten dieser Bemühungen sind in den verschiedenen Bundesländern sehr unterschiedlich. Der VDSG sieht es allerdings nicht als gerechtfertigt an, wirtschaftliche Inhalte aus dem Schulfach Geographie herauszulösen und sie einem neuen, noch zu schaffenden Schulfach zuzuweisen. Das würde keine Entlastung des Faches Geographie bedeuten, sondern seine weitere Schwächung. Der VDSG sieht es darüber hinaus aufgrund der Erfahrungen im In- und Ausland als fachliche Verflachung an, Integrationsfächer zu schaffen, in denen z. B. lediglich durch Einbezug des Namens „Wirtschaft“ eine Stärkung dieses Bereiches vorgegeben wird, die aber in der Wirklichkeit von Unterricht und Schule nicht Bestand haben kann. Der Verband Deutscher Schulgeographen ist sich mit der Didaktik einig, dass bedeutende Fachinhalte zunächst in einem Schulfach unterrichtet werden müssen. Gesellschaftswissenschaftlicher und damit sozioökonomischer Unterricht erfordert zunächst den Fachunterricht in den Fächern Geographie (sowie Gemeinschaftskunde/Politik und Geschichte - vgl. Würzburger Erklärung von 1995).

 

Weder für das Fach „Wirtschaft“ noch für ein Integrationsfach mit dem Bestandteil „Wirtschaft“ gibt es zur Zeit ausgebildete Lehrer/innen, noch eine Lehrerausbildung, noch die Didaktik, noch die Unterrichtsmittel. Die verstärkte Unterrichtung wirtschaftlicher Inhalte ist aber aktuell notwendig.

 

Deshalb sehen es die Wirtschaft und der VDSG vorrangig als richtigen Weg an, heute bestehende Fächer zu stärken, die fachimmanent wirtschaftliche Inhalte vermitteln. Je nach Möglichkeit können interdisziplinäre, schwergewichtig auf wirtschaftliche Inhalte ausgerichtete Projekte oder fächerverbindende Unterrichtseinheiten das Gelernte anwenden und üben, wie es - auch mit Unterstützung der Wirtschaft - bereits heute vielfältig möglich ist. Das schließt nicht aus, dass die Wirtschaft sich daneben auch weiterhin für ein selbständiges „Wirtschaft“ einsetzt.

 

Die Wirtschaft und der VDSG sehen in der notwendigen Stärkung auch des Faches Geographie einen wesentlichen  Beitrag zur aktuellen Stärkung der wirtschaftlichen Bildung in Deutschland. Denn Geographie ermöglicht es dem Schüler,

 

-          wirtschaftliche Zusammenhänge zu erkennen,

 

-          Einblick in die wirtschaftliche Realität zu gewinnen,

 

-          räumliche Auswirkungen der wirtschaftlichen Aktivität des Menschen kennen- und beurteilen zu lernen,

 

-          zu lernen, dass die wirtschaftliche Aktivität des Menschen Grundlage für seine selbstbestimmte Lebensgestaltung ist,

 

-          die natürlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für das Wirtschaften des Menschen beurteilen und bewerten zu können,

 

-          die gesellschaftliche Verantwortung des Menschen durch seine wirtschaftlichen Aktivitäten zu erkennen.

 

 

Es ist ein Erfordernis der Zeit, dass das Unterrichtsfach Geographie / Erdkunde wieder gestärkt und kontinuierlich unterrichtet wird.

 

Die Wirtschaft und der VDSG unterstützen dabei flankierende Maßnahmen wie

 

-          Gründung und Organisation von Schülerfirmen,

-          Vermittlung und Durchführung von Betriebserkundungen und Betriebspraktika,

-          Durchführung und Unterstützung von Schülerwettbewerben,

-          Durchführung und Unterstützung von Lehrerfortbildungsmaßnahmen,

-          Förderung von pädagogischer Literatur zur wirtschaftlichen Bildung,

-          Erstellung und Unterrichtseinsatz von Software zu wirtschaftlichen Inhalten.

 

Die Wirtschaft und der VDSG sagen zu, sich auf allen Ebenen gegenseitig zu unterstützen und ihre gemeinsamen Anliegen gegenüber der Öffentlichkeit offensiv zu vertreten.

 

 

Berlin / Bretten, am ...............2001.

 

 

Für die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände e. V. :

 

 

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Für die Stiftung der Deutschen Wirtschaft e. V. :

 

 

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Für den Verband Deutscher Schulgeographen e. V.:

 

 

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* Dieser Entwurf basiert auf einem Gespräch zwischen dem VDSG einerseits und der Stiftung der Deutschen Wirtschaft und der BDA andererseits. Die BDA hat auf diesen Entwurf eines Memorandums für beiderseitiges Engagement für Wirtschaft und Geographieunterricht trotz mehrmaliger Nachfragen von Seiten des VDSG leider nicht reagiert.

 

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