Kommission Geographische Erziehung der

Internationalen Geographischen Union (IGU)

Internationale Erklärung

Geographische Erziehung zur kulturellen Vielfalt

Seoul (Südkorea), im August 2000

 

 

Präambel

 

Im Bewusstsein,

dass die Bedeutung, die der geographischen Erziehung zukommt, von Nation zu Nation verschieden ist und unser Verständnis der Mensch-Umwelt-Beziehungen von den raschen Entwicklungen in den Kommunikationstechnologien und den Veränderungen in gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Einstellungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene beeinflusst wird,

verpflichten wir uns, die Teilnehmer des 29. Geographischen Kongresses im August 2000 in Seoul (Südkorea), und unser Fach,

 

dazu beizutragen, alle Bürger verstärkt dazu zu befähigen, eine gerechte, nachhaltige und angenehme Welt für alle zu schaffen,

 

und erklären,

 

1. dass geographische Erziehung den Menschen der Welt die Grundlage dafür bietet, Folgendes zu entwickeln:

·         Die Fähigkeit, für die Menschenrechte sensibilisiert zu sein und diese zu verteidigen,

·         die Fähigkeit, kulturelle Vielfalt zu verstehen, zu akzeptieren und ihren Wert zu schätzen,

·         die Fähigkeit, verschiedene Ansichten über Menschen und ihre Lebensumstände zu verstehen, sich in sie hineinzuversetzen und sie kritisch zu würdigen,

·         die Bereitschaft, sich der Auswirkungen der eigenen Lebensweise auf Umwelt und Gesellschaft bewusst zu werden,

·         ein Bewusstsein für die dringende Notwendigkeit, unsere Umwelt zu schützen und denjenigen Gemeinden und Regionen ausgleichende Umweltmaßnahmen angedeihen zu lassen, die Umweltzerstörung erfahren haben,

und

·         die Fähigkeit, als informiertes und aktives Mitglied der eigenen und der globalen Gemeinschaft zu handeln.

 

2. dass geographische Forschung und Lehre einen wesentlichen Beitrag für unser Verständnis der Verschiedenartigkeit von Kultur, Gesellschaft und Industrie in unserer Welt leistet.

Geographie spielt durch die Untersuchung von Ort, Raum, Staat, natürlichen Ressourcen und den Lebensumständen der Menschen eine wesentliche Rolle bei der Erkenntnis der kulturellen Vielfalt der Menschen und ihrer Gemeinschaften auf der Welt. Damit bildet die Geographie eine wichtige „Brücke“ zwischen den Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Geographen können auf eine lange Tradition von bedeutenden Beiträgen zur Entscheidungsfindung im lokalen, regionalen und globalen Maßstab für eine Vielzahl von Belangen zurückblicken, die die Ressourcenverwaltung,  das Gesundheitswesen,  die Erhebung von Umweltwerten, das Verkehrswesen, klimatische Veränderungen und das Risikomanagement einschließen. Da sich die gemeinsame Sorge der Menschheit zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf die natürliche und die vom Menschen geschaffene Umwelt richtet, besteht der Hauptbeitrag der Geographie für die Zukunft des Planeten jetzt darin, unser Verständnis der räumlichen Aspekte der Mensch-Natur Schnittstelle mit den ihr möglichen pädagogischen und wissenschaftlichen Anstrengungen zu erweitern.

 

3. dass geographische Erziehung zum Verständnis der Notwendigkeit beiträgt, die natürliche Umwelt im lokalen, nationalen und internationalen Maßstab zu schützen

Geographische Erziehung befähigt Menschen dazu, ihre zur Selbstverständlichkeit gewordenen Lebensweisen und ihr Verhalten hinsichtlich der Auswirkungen auf die Entwicklung anderer Menschen, Orte und Regionen kritisch zu bewerten. Geographische Erziehung fördert eine umweltfreundliche Kultur auf allen Ebenen der Mensch-Natur-Beziehungen.

 

4. dass geographische Unterweisung den Menschen auf den unterschiedlichsten Erziehungsebenen dazu befähigt, unseren Planeten als globales Erbe zu schützen

Auf allen Ebenen der Erziehung, vom Kindergarten bis zur Hochschule und darüber hinaus lebenslang, erweitert die geographischen Perspektive der Welt die Fähigkeiten, die ein Mensch braucht, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden zu können, und zwar in folgender Weise:

·         persönlich; das schließt die Bewusstheit über die eigenen Beiträge zum und den eigenen Einsatz für den Schutz der Umwelt ein;

·         gesellschaftlich; das schließt die Fähigkeit und Bereitschaft dazu ein, mit anderen Bürgern verschiedenster kultureller Identität bei öffentlichen Anlässen eine gemeinsame Handlungs- und Verantwortungsgrundlage zu schaffen;

und

·         räumlich; das schließt ein, dass jeder Mensch erkennen muss, dass er sich im Einflussbereich von verschiedenen, sich gegenseitig beeinflussenden Kulturen im lokalen, regionalen und globalen Maßstab zu sehen hat.

 

5. Wir erklären daher,

·         dass Fachinhalte der Geographie wesentliche Gesichtspunkte dazu beitragen, verstehen zu können, welchen Platz wir in der Welt einnehmen und  wie Menschen ihre Umwelt wechselseitig beeinflussen;

·         dass geographische Forschung und Erziehung das kulturelle Verständnis und die wechselseitige Beziehungen zwischen den Menschen und Völkern sowie Gleichheit und Gerechtigkeit im lokalen, regionalen und globalen Maßstab fördert und erhöht.

 

Alle Lernenden haben ein Anrecht darauf, durch geographische Erziehung gesellschaftliche, kulturelle und umweltbedeutsame Wertmaßstäbe zu entwickeln und dadurch zu geographisch gebildeten Menschen zu werden.

 

Wir, Geographen/innen in Forschung, Lehre, Anwendung, Ausbildung und Erziehung, verpflichten uns dazu, die weltweite geographische Erziehung zu fördern, um den zukünftigen Herausforderungen der natürlichen Umwelt und der wirtschaftlichen Entwicklung entsprechen zu können.

 

Danksagung

Die IGU Commission on Geographical Education dankt den vielen Mitgliedern in der ganzen Welt, die zur Formulierung dieser Erklärung beigetragen haben.

 

 

 

Professor Rod Gerber

Chair, Commission on Geographical Education

 

 

Übersetzung aus dem Englischen: Dr. Karola Aust und Dr. Eberhard Schallhorn