27. Deutscher Schulgeographentag Duisburg

 

Begrüßung und Eröffnung durch

Dr. Eberhard Schallhorn, 1. Vorsitzender VDSG

Montag, 2. Oktober 2000

 

 

27. Deutscher Schulgeographentag Duisburg

Eröffnungsveranstaltung am 2. Oktober 2000

 

Dr. Eberhard Schallhorn

1. Vorsitzender des Verbandes Deutscher Schulgeographen

 

 

Magnifizenz, Frau Oberbürgermeisterin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen.

 

Ich erkläre den 27. Deutschen Schulgeographentag zu Duisburg 2000 für  eröffnet.

 

Der Deutsche Schulgeographentag ist eine Veranstaltung des Verbandes Deutscher Schulgeographen. Wir sind stolz darauf, dass wir hier in Duisburg zum 27. Mal diesen Kongress ausrichten können. Ich begrüße Sie alle und freue mich, dass Sie selbst es sich ermöglicht haben oder dass es Ihnen ermöglicht wurde, diese bedeutendste Fortbildungsveranstaltung der deutschen Schulgeographie zu besuchen. Ich bin überzeugt davon: Wer als Schulbehörde sie hierher beurlaubt hat, bekommt eine informierte und neu motivierte Lehrkraft  zurück. Die Beurlaubung zum Deutschen Schulgeographentag lohnt sich für Sie, die Teilnehmer, und wirkt zurück auf Ihre Schule und Ihre Schülerinnen und Schüler. Zu kurz denkt der, der fortbildungswilligen Kolleginnen und Kollegen die Teilnahme hier versagt.

 

Dieser Deutsche Schulgeographentag wird in enger Kooperation mit der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg und der Gesellschaft für Deutschlandforschung veranstaltet. Ich freue mich über diese Kooperation und danke beiden Institutionen für alle Hilfe und Unterstützung.

 

Ein Kongress dieser Art kann ohne den Ortsausschuss am Ort des Geschehens nicht durchgeführt werden. Ich danke Ihnen allen, die Sie an der diesmal zeitlich besonders kurzen Vorbereitung zu diesem Kongress mitgewirkt haben.

 

Mein herzlicher Dank geht an den 1. Vorsitzenden des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen im VDSG, Herrn StD a.D. Eberhard Lison. Er hat es sich nicht nehmen lassen, diesen Kongress zum zweiten Male nach Nordrhein-Westfalen zu holen und hier zu organisieren, nachdem er diese Aufgabe erstmals im Jahre 1976 in Düsseldorf glänzend bewältigte. Damals haben Sie - soweit ich weiß - das Logo unseres Verbandes kreiert, die Erdkugel vor dem aufgeschlagenen Buch, das uns heute begleitet. Lieber Herr Lison, Sie haben sich freiwillig Verantwortung und damit viele, vielleicht beinahe zu viele Mühen aufgeladen - ich weiß das hoch zu schätzen. Sie haben wahrlich ein Vorbild für engagierte Verbandsarbeit gegeben. Lieber Herr Lison, herzlichen Dank.

 

Ich weiß, dass Herr Lison nach Kräften von seiner Frau unterstützt wird. Unser Dank geht daher gleichermaßen an Sie, liebe Frau Lison.

 

Einen wesentlichen Teil der Manpower, die für die Organisation dieses Schulgeographentages notwendig war, stellte der 1. Vorsitzende der Gesellschaft für Deutschlandforschung und Geschäftsführende Direktor des Instituts für Geographie der Gerhard-Mercator-Universität Duisburg, Herr Professor Dr. Karl Eckart. Lieber Herr Eckart, ich hoffe, Sie haben die Stunden nicht gezählt, die Sie zur Vorbereitung unserer Tagung neben Ihrer täglichen Arbeit aufgewendet haben. Ich kann Ihnen keine von diesen Stunden entgelten. Ich kann Ihnen nur sagen: Herzlichen Dank, lieber Herr Eckart, Sie haben der Schulgeographie und damit der Geographie einen großen Dienst erwiesen. Ihre Bereitschaft zur Übernahme dieser Aufgabe und Ihr Engagement entspringt der Liebe zu Ihrem und unserem Fach. Das ist wahre Profession. Herzlichen Dank.

 

Sehr geehrter Herr Eckart, mit Ihnen haben sich auch Ihre Kolleginnen und Kollegen aus dem Geographischen Institut nach Kräften für die Durchführung dieses Kongresses eingesetzt. Der gewohnte Betrieb wurde gestört, Kräfte gebunden. Ich danke auch den Angehörigen Ihres Instituts herzlich für ihre Mühen und für die für uns bereitgestellte Zeit. Der Verband Deutscher Schulgeographen weiß das zu schätzen. Die Zusammenarbeit der geographischen Teilverbände in unserem Dachverband, der Deutschen Gesellschaft für Geographie, macht deutlich, dass die deutschen Geographen in einem Boot sitzen: Die Schulgeographie ist die Grundlage der Hochschulgeographie. Insofern gilt Ihr Einsatz nicht nur der Schulgeographie, sondern auch der Hochschulgeographie und damit letztlich Ihnen selbst.

 

Magnifizenz, ich danke herzlich der Gerhard-Mercator-Universität für die Bereitschaft, dem 27. Deutschen Schulgeographentag sozusagen Asyl zu gewähren und uns unter Ihrem Dach so freundlich und entgegenkommend aufzunehmen.

 

Unser Dank geht – last, but not at all least - von hier aus auch an alle anderen Helfer, die die Veranstaltung ermöglichen, und vor allem an die Verlage, die - so scheint es - keine Mühen gescheut haben, Sie, die Teilnehmer, umfassend über ihr Angebot zu informieren. Herzlichen Dank dafür. Ihre Lehrbücher, Atlanten und Unterrichtsmaterialien geben beredtes Zeugnis ab für die Attraktivität unseres Faches. Unermüdlich erhöhen Sie Ihr Angebot an schulgeographischer Literatur, und man möchte eigentlich gerne alles Geographische kaufen, was aus Ihren Häusern kommt. Allein, der Blick ringsherum im Arbeitszimmer lehrt, dass kein Platz mehr ist, bereits Buchreihen vor den Buchreihen stehen. Eigentlich schade!

 

Dieser 27. Deutsche Schulgeographentag mit seinem Motto „Das vereinigte Deutschland auf dem Weg in das 21. Jahrhundert - Herausforderungen und Chancen für den Geographieunterricht“ steht in bester Tradition der Arbeit und der Überlegungen des Verbandes Deutscher Schulgeographen.  Der Kontakt zwischen West und Ost bestand auch zu Zeiten politischer Trennung und räumlicher Teilung Deutschlands. Der VDSG war sich in diesen Jahren immer dessen bewusst, dass seine Wurzeln in Gotha liegen, wo aufgrund der Initiative von Hermann Haack am 1. Januar 1912 die Geschäfte des Verbandes Deutscher Schulgeographen aufgenommen wurden.

 

Die erfolgreiche Tätigkeit des Verbandes war 1935 bis 1948 unterbrochen; erst 1949 wurde der Verband Deutscher Schulgeographen in Jugenheim an der Bergstraße wiedergegründet. Wir haben im vergangenen Jahr der 50. Wiederkehr dieses Tages in einer Feierstunde in Hamburg gedacht. Von diesem Deutschen Schulgeographentag in Duisburg an soll die neu gewidmete Schulgeographentagsfahne an die Austragungsorte der Schulgeographentage bzw. ihrer Äquivalente seit 1949 erinnern - und zwar an die im gesamten Deutschland.

 

Informieren, reflektieren, orientieren - diesen Ansprüchen will der Deutsche Schulgeographentag gerecht werden: Sich informieren über das Lehrmittelangebot der Verlage und über die Lage der Schulgeographie, reflektieren über Methoden, Inhalte und Bedeutung des Faches sowie sich orientieren über neue Strömungen, neue Ideen, neue Inhalte - daneben natürlich auch sich wiedersehen, sich kennenlernen sowie die Bekanntschaft mit Land und Leuten des Veranstaltungsortes machen. Ich wünsche Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass Ihnen das alles zu Ihrer Zufriedenheit gelingen möge.

 

Zehn Jahre wieder vereinigtes Deutschland - das bedeutet auch, dass sich die Schulgeographen und -geographinnen in Deutschland wieder zusammengefunden haben. Seit der ersten gemeinsamen Tagung in Helmstedt und dem Schulgeographentag 1990 in Kiel, an dem zum ersten Mal wieder Kolleginnen und Kollegen aus der damals noch bestehenden DDR teilnehmen konnten, sind wir gut vorangekommen. Ich erinnere an die schnelle Gründung der Landesverbände in den „neuen“ Bundesländern, an gemeinsame Tagungen, gemeinsame Vertretung des Fachs in vielen Gremien, an viele persönliche Kontakte zwischen Kolleginnen und Kollegen aus „alten“ und „neuen“ Bundesländern, die dazu beitrugen, das Vergangene besser zu verstehen und sich gegenseitig auf dem Weg in das Neue zu unterstützen.

 

Es ist heute nach den historischen Ereignissen von vor 10 Jahren sowie der Entwicklung seitdem zur Überwindung der weithin noch bestehenden Teilung Deutschlands in den Köpfen der Menschen notwendig, dass Deutschland im Rahmen des Geographieunterrichts in einem kontinuierlichen, zweistündigen Curriculum sowohl in den Klassen 5/6 als auch in den Klassen 9/10 behandelt wird. Das wird auch im „Grundlehrplan Geographie“ aus dem Jahre 1999 des Verbandes Deutscher Schulgeographen so dargestellt. Die Notwendigkeit, Deutschland in der Sekundarstufe II zu behandeln, ist selbstverständlich und unbestritten.

 

In den Klassen 5/6 stehen als Grundfragen des Unterrichts die „Mensch-Raum-Beziehungen“ im Vordergrund, in den Klassen 9 und 10 aber „Gegenwartsfragen und Zukunftsaufgaben“. In 5/6 also altersgemäß die physiognomisch-beschreibende Betrachtungsweise, in 9/10 die funktional-problematisierende. Beides ist notwendig, das eine baut auf dem anderen auf.

 

Dass der Geographieunterricht nunmehr, zehn Jahre nach dem Beitritt der ehemaligen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes, damit mit dem Verschwinden der Demarkationslinie und der Bezirksgrenzen in der DDR, dafür aber dem Wiederaufleben der Länder und vieler anderer raumbezogener Veränderungen auf Buch und Atlas mit gültigen Eintragungen und richtigen Formulierungen gründen muss, sollte selbstverständlich sein. Immer wieder sind alte Schulbücher und Atlanten Anlässe für Glossen, die die Verstaubtheit der Schule zeigen sollen. Trotz Finanzmangels der Schulträger  sollten gerade wir Schulgeographen darauf drängen, dass immer noch benutzte alte Bücher und Atlanten schnellstens durch aktuelle ersetzt werden.

 

Was aber ist davon zu halten, wenn es immer noch Bundesländer gibt, in denen gerade in den Klassen 9 und 10 aller Schularten, den wichtigen Abschlussklassen der Sekundarstufe 1, kein oder nur einstündiger Geographieunterricht vorgesehen oder der Geographieunterricht der Beliebigkeit anheimgestellt ist?

 

Die Antwort ist eindeutig: Davon ist überhaupt nichts zu halten! In diesen Bundesländern wird es schlicht versäumt, unseren Schülerinnen und Schülern angemessenes Wissen über Deutschland als Ganzes zu vermitteln. Bei unzureichendem Geographieunterricht wird es versäumt, den Schülerinnen und Schülern die wirtschaftsräumlichen Unterschiede innerhalb Deutschlands angemessen bewusst zu machen, es wird darüber hinaus versäumt, sie ihnen auch aus den naturräumlichen Gegebenheiten sowie dem historischen Geschehen heraus zu erklären. Es besteht die Gefahr, sie dumpfem Unwissen zu überlassen und damit Neid, Uneinsichtigkeit, Selbstgefälligkeit oder Überheblichkeit zwischen Ost und West zu fördern.

 

Wer als Bildungspolitiker den Geographieunterricht an deutschen Schulen auf Minimalniveau belässt oder gar weiter kürzt, darf sich nicht darüber wundern, wenn wenige Jahre später, nach dem Schulabschluss, geographisches Wissen auch über Deutschland bei unseren Bürgerinnen und Bürgern kaum vorhanden ist.

 

Um die unbedingt notwendige Zeit zu haben auch für die Behandlung Deutschlands im Unterricht, steht die Forderung des Verbandes Deutscher Schulgeographen seit Jahrzehnten in der bildungspolitischen Landschaft, zuletzt eindringlich formuliert im Positionspapier des Verbandes aus dem Jahre 1995:

 

-         Geographieunterricht muss in allen Klassenstufen und Schularten kontinuierlich und zweistündig sein,

-         Geographieunterricht muss in allen Schularten als eigenständiges Fach unterrichtet werden.

 

Trotzdem ist noch keine Verbesserung der Stellung des Faches Geographie bzw. Erdkunde in der Schule zu erkennen, noch immer stellen wir Einstündigkeit, Lücken im Kontinuum, undefinierte Beimischung geographischer Inhalte in Integrationsfächern fest. In Hessen wurde zum Beginn dieses Schuljahres eine weitere Unterrichtsstunde Geographie in Klasse 10 gestrichen, so dass die Schülerinnen und Schüler in den sechs Jahren der Sekundarstufe 1 nunmehr nur noch 6 Wochenstunden Unterricht in Geographie haben. Nicht nur hier gilt der Satz aus dem Positionspapier des VDSG: Geographische Bildung droht in Deutschland zu verkümmern!

 

Dabei zeigen Untersuchungen - z. B. von Helmuth Köck in den alten Bundesländern aus dem Jahre 1997 -  und Umfragen unter Schülern und Eltern, dass das Fach Geographie ein beliebtes und erwünschtes ist. Weist man Eltern auf das geringe Gewicht geographischer Bildung in den Schulen hin, stößt man in der Regel auf Unverständnis. Die bildungspolitische Umsetzung solcher Wünsche aus der Elternschaft lässt trotzdem weiter auf sich warten.

 

Nimmt das die Öffentlichkeit nicht wahr? Wird die Schwindsucht geographischen Unterrichtes an deutschen Schulen von den lauten Forderungen nach neuen Fächern verdeckt? Wo bleibt der Protest der Öffentlichkeit?

 

Bundespräsident Johannes Rau hat mir Anfang September, vor vier Wochen, „versichert, dass [er] die Vermittlung hinreichender Kenntnisse über fremde Länder und Kulturen für sehr wichtig erachtet“. Er stimme mit mir überein, „dass dem Geografieunterricht an unseren Schulen hierbei eine bedeutende Rolle zukommt“. Er weist aber zugleich auch darauf hin, dass die Stärkung des Geographieunterrichts allein in der Zuständigkeit und Verantwortung der Kultusminister der 16 Länder liegt.

 

Paul Spiegel, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nimmt vor dem Hintergrund neu entflammter, entsetzlicher Fremdenfeindlichkeit ebenfalls positiv zur Schulgeographie Stellung. In einem Schreiben von Anfang August teilte er mir mit: „Einig bin ich mit Ihnen, dass sicherlich auch der Geographieunterricht dazu beiträgt, das „Fremde“ näher zu bringen, damit verständlicher zu machen und Angst zu nehmen.“

 

Wir haben gewichtige Fürsprecher. „Das ist tröstlich und man muss es wissen. Nur: Für uns, die wir uns für die geographische Bildung und Umwelterziehung einsetzen, ist das leider immer ziemlich gleich gewesen“ - wenn ich Bertolt Brecht ein wenig umformulieren darf. Stattdessen werden neue Fächer gefordert, die genau das leisten sollen, was die Geographie zusammen mit anderen, bestehenden Fächern leisten könnte, aber nicht kann, weil sie so reduziert ist.

 

Nein, es ist eigentlich kein neues Fach Wirtschaft an den Schulen in Deutschland erforderlich. Sollen nicht nur schnell fortgebildete Lehrer ein neues Fach unterrichten, so müssten neue Lehrer nach neuen Studienordnungen ausgebildet werden. Sie müssten nach neuen Prüfungsordnungen geprüft werden. Neue Lehrbücher müssten her und: Um Platz zu schaffen für ein neues Fach, müsste ein anderes Fach gekürzt werden. Es geht weit einfacher: Es ist die angemessene Wochenstundenanzahl - das bedeutet Kontinuität und Zweistündigkeit - für die heute bestehenden Fächer notwendig, in denen Wirtschaft sachgemäß behandelt wird, neben der Gemeinschaftskunde unser Fach, die Geographie!

 

Ohne die Frage nach der jeweiligen Berechtigung stellen zu wollen: Wenn Überlegungen angestellt werden, das Fach Sport zu reduzieren, dann geht ein Aufschrei von Vereinen und Ärzten durch die Republik: Die Gesundheit der Bevölkerung sei bedroht! Wenn der Stundenanteil des Faches Religion kritisch überprüft wird, dann äußert der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, besorgt: „Ein unregelmäßig erteiltes Fach wird von den Schülern nicht als wichtig wahrgenommen.“ (FR 7.9.00)  Geographie wird an den Schulen Deutschlands unregelmäßig erteilt. Wen bekümmert das?

 

Und dabei ist das Fach Geographie dasjenige in der Schule, in dem methodisch anspruchsvoll die wichtigen Zukunftsprobleme der Menschheit angesprochen werden. Im Umweltprogramm der Vereinten Nationen „GEO 2000“ wurden Wissenschaftler befragt: „Wo sehen Sie die wichtigsten Probleme des 21. Jahrhunderts?“

 21 der Themenbereiche nannten 10% und mehr der Befragten, sie gehören also wohl zu den wichtigen. Genannt wurden – in der Reihenfolge der Häufigkeit der Nennungen -

„Klimaveränderung - Wasserknappheit - Waldvernichtung - Wasserverschmutzung - Verarmung - Rückgang der Artenvielfalt - Bevölkerungszunahme und -wanderung - Veränderung sozialer Werte - Müllentsorgung - Luftverschmutzung - Bodenverschlechterung - Verschlechterung des Ökosystems - chemische Verschmutzung - Verstädterung - Zerstörung der Ozonschicht - Energieverbrauch - Seuchen und Krankheiten - versiegen natürlicher Ressourcen - Verunsicherung gegenüber Nahrungsmitteln - Unerbrechung des biogeochemischen Kreislaufs - Industrie-Emissionen.“ Von diesen 21 Themenbereichen gehört mindestens die Hälfte zu den zentralen fachimmanenten Inhalten des Geographieunterrichts. Wenn aber das Fach Erdkunde  - ohnehin in der Regel auf niedrigstem Stundenanteil-Level - gekürzt wird, rührt sich keiner. Diejenigen, die dennoch Einspruch erheben, sind nur ein marginaler vernachlässigbarer Teil des Wahlvolkes und werden abgespeist mit „Ja....., aber!“ - und alles bleibt beim Alten. Ich rufe die Elternschaft dazu auf, sich für die geographsche Bildung ihrer Kinder einzusetzen, und ich rufe alle Geographen und Geowissenschaftler dazu auf, sich für die Stärkung der Schulgeographie, damit für die geographische Bildung und Umwelterziehung unserer Jugend einzusetzen. Es muss und darf nicht erst zu einer Situation wie in den USA der 80er Jahre kommen, als erkannt wurde, dass nach Abschaffen des Geographieunterrichts die geographische Bildung der Bevölkerung desolat war! Hartwig Haubrich hat in der gerade erschienenen Festschrift für Dieter Richter wieder gewarnt: „ Die mühevolle und langwierige landesweite Implementation des Standardkonzeptes [in den USA] lehrt allerdings auch, was angerichtet wird, wenn man über Jahrzehnte ein Fach bzw. die gesamte Bildung vernachlässigt. In wenigen Jahren ist vielleicht eine materielle, aber - trotz größter Anstrengungen - nicht eine fehlende personelle Infrastruktur wieder aufzubauen.“ (S. 51).

 

Geographieunterricht, der den zugegeben hohen Ansprüchen gerecht werden soll, die wir uns selbst stellen, braucht gut ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. Ich appelliere von hier aus an die Hochschulgeographie und die Geowissenschaften, sich noch stärker und immer wieder dazu zu bekennen, dass ihre gemeinsame Grundlage die Schulgeographie ist. Geographielehrerinnen und -lehrer müssen fundiertes Wissen in Physischer und Wirtschafts- und Sozialgeographie haben.

 

Solche Lehrer können aus dem sicheren Fundus ihres Wissens ihren Unterricht erarbeiten, ohne ständig nach Handouts, Papers oder anderen fertig ausgearbeiteten Unterrichtsmaterialien zu rufen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, besinnen wir uns wieder mehr auf unsere eigenen Fähigkeiten, Inhalte didaktisch umzusetzen. Ich habe bei vielen Unterrichtsbesuchen den Eindruck gewonnen, dass wir uns immer mehr auf Unterrichtsmaterialien verlassen, die andere ausgearbeitet haben, anstatt uns selbst in ein Thema ein- und es didaktisch aufzuarbeiten. 

 

Ich appelliere von hier aus an die Fachdidaktik, den Geographielehrerinnen und -lehrern noch konkretere Hilfen - nicht fertige Ausarbeitungen - an die Hand zu geben, wie die wohl immer komplexen geographischen Inhalte angemessen zu unterrichten sind. Es muss aber nicht jeder geographische Allgemeinplatz zu einer didaktischen Publikation hochstilisiert werden! Wenn Didaktiker in wenig gewundener Fachsprache - wenn es denn möglich ist - publizieren würden, würden sie mehr Leser unter der Lehrerschaft finden. Das würde zu mehr didaktischer Auseinandersetzung „an der Basis“ führen. Die Didaktik sollte sich auch  dazu durchringen, nicht jeden unterrichtsmodischen, häufig ideologisch nicht unbelasteten Schnickschnack mitzumachen, sondern wissenschaftlich, d.h. kritisch Für und Wider aufzuarbeiten und darzustellen. Forderungen von Seiten der Didaktik der Geographie, den „Raum“ abzuschaffen, sind für uns an der Schule nicht hilfreich. Forderungen von Geographiedidaktikern, der Geographie aus welchen Gründen auch immer das physische Bein zu amputieren, führen zu einer Humpelgeographie, die Krücken braucht.  

 

Die Betrachtung und Behandlung des Systems Mensch-Erde in der Schule ist Aufgabe und Inhalt des Geographieunterrichts. Er führt die Schülerinnen und Schüler zur Kenntnis der Zusammenhänge zwischen natürlichen Gegebenheiten und menschlichem Handeln und öffnet ihnen Augen und Sinne dafür, dass der Mensch mit seinen heutigen Möglichkeiten der Natur gegenüber Verantwortung hat und übernehmen muss. Diese Erkenntnis macht nachdenklich und führt zum Bewusstsein über das Gewordensein, die Empfindlichkeit des Heutigen und die Notwendigkeit, die Zukunft verantwortlich mitzugestalten. Das aber ist das Ziel von Unterricht in der Schule: Die Schülerinnen und Schüler nicht zu Geographen auszubilden, sondern zu selbstbewussten und zur Kritik fähigen, wissenden Bürgerinnen und Bürgern, die sich nicht immer nur sich selber hingeben, sondern zupacken und mitgestalten. Unser schönes Fach kann erheblich dazu beitragen, dieses Ziel zu erreichen.

 

Lassen Sie mich noch ein paar Sätze zu einer besonderen Premiere dieses Jahr sagen: Erstmals führten wir bundesweit den geographischen Schülerwettbewerb GEOGRAPHIE WISSEN partnerschaftlich mit einer neuen geographischen Zeitschrift durch. Sie zu nennen, bedeutet, für sie zu werben. Aber ich komme nicht umhin: Es ist National Geographic Deutschland. Als Kooperationspartner fungierten insbesondere bei der Stiftung von Preisen neben anderen die Verlage Klett-Perthes, Westermann und Schroedel. Ihnen gebührt dafür herzlicher Dank!

 

GEOGRAPHIE WISSEN entpuppte sich als teilnahmestärkster aller Schülerwettbewerbe: Über 1600 Gesamt- und Realschulen sowie  Gymnasien und andere Schularten beteiligten sich mit insgesamt über 180.000 Schülerinnen und Schülern. Für Hauptschulen wurde für das Wettebwerbsjahr 2001 ein Modus gefunden, der auch ihnen die Teilnahme ermöglicht. Im Frühjahr wurden unter allen Teilnehmern die Schulsieger, unter ihnen die 16 Landessieger ermittelt, die schließlich in einer fulminanten Veranstaltung im Mai 2000 den Bundessieger unter sich ausmachten, der bei der Geographie-Olympiade in den USA im nächsten Jahr die deutschen Geographieschülerinnen und -schüler vertreten wird. Selbst Frau Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft Bulmahn konnte sich dem großen Erfolg des Wettbewerbs nicht entziehen und sandte wenigstens zum Bundeswettbewerb ein anerkennendes Grußwort.

 

Unser Dank dafür, dass der Wettbewerb so und mit solch großem Erfolg durchgeführt werden konnte, geht an NGD, die Arbeitsgruppe GEOGRAPHIE WISSEN des VDSG mit Herrn Prof. Dr. Böhn und Frau Berta Hamann, an alle Beauftragten der Landesverbände und insbesondere den Lehrerinnen und Lehrern in den Schulen, die den Wettbewerb getragen haben.

 

Der Wettbewerb 2001 ist in Vorbereitung, und die Schulen können mit den Unterlagen bis zum 1. Dezember rechnen.

 

Sehr geehrte Teilnehmer unseres Kongresses, liebe Kolleginnen und Kollegen, ich wünsche Ihnen ertragreiche Tage in Duisburg und einen schönen Aufenthalt. Ich möchte Sie jetzt schon einladen zum 53. Deutschen Geographentag nach Leipzig 2001 und zum 28. Deutschen Schulgeographentag Ende September 2002 in Wien. 

 


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