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Verband
Deutscher
Schulgeographen e.V.
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50
Jahre VDSG nach der Wiedergründung 1949 Begrüßung durch den 1. Vorsitzenden Dr. Eberhard Schallhorn in Hamburg, Hotel Baseler Hof, 2.Oktober 1999
Sehr geehrte Damen und Herren, " (...) Und dann (...)
die in Dreierreihen. Es ist etwa das Jahr 1935 in dem Roman "Gestern war heute - 100 Jahre deutsche Gegenwart" von Ingeborg Drewitz, aus dem ich diese halbe Seite gelesen habe. 1935 wird der Verband Deutscher Schulgeographen 23 Jahre nach seiner Gründung im Rahmen der "Gleichschaltung" verboten. Knapp vier Jahre nach der Kapitulation gibt es noch keine Bundesrepublik, noch keine DDR. Aber es gibt den Willen der Menschen, wieder gemeinsam aufzubauen und zu gestalten. Vom 20. bis 22. April 1949 treffen sich Geographen aus Schule und Hochschule hier: "Jugenheim a.d. Bergstraße, Gemeinde und Luftkurort im Kreis Darmstadt, Hessen, 140 m ü.M. an der Bergstraße, mit (1968) 4200 (1939: 1600) zu 66% evangelischen Einwohnern; Betten- und Miederfabrik, Süßmosterei; Pädagogisches Fachinstitut für musisch-technische Lehrer, Fachschule der deutschen Brotindustrie. Bei Jugenheim entstand 1954 das Schuldorf Bergstraße (mit Kindergarten, Volks-, Sonder-, Realschule, Aufbaugymnasium, Berufsschule). Jugenheim gehörte seit dem späteren Mittelalter den Grafen von Erbach und wurde 1717 hessisch. Über dem Ort liegen Schloß Heiligenberg und die Ruine eines Nonnenklosters." So steht es in meinem - ich gebe zu: erneuerungswürdigen - Brockhaus, denn es ist die Ausgabe von 1970. Jugenheim heute? Im Internet ist Jugenheim ein im wahren Wortsinne unbeschriebenes Blatt, das führt nicht weiter. Die Bitte um Prospekte mit Bildern bleibt bis gestern unerhört. Der Atlas hilft, die Statistik.
Der Ort hat sich zum Doppelstädtchen Seeheim-Jugenheim gemausert, hat nun an die 20000
Einwohner. Einzugsbereich von Darmstadt. Im Südwesten sieht man bei schönem Wetter den
Wormser Dom. Übergang vom Kristallinen Odenwald zum Oberrheinischen Tiefland. Bruchstufe.
Hauptverwerfung. Sonderkulturen. "...an der Bergstraße": Wer fühlte sich
da nicht vom Duft umgeben, den blühende Obstbäume verströmen?
Treibende Kraft war Professor Dr. Julius Wagner aus Frankfurt am Main. Unter seiner Leitung wurde ein Vorstand gewählt, die neue Satzung des wiedergegründeten Verbandes angenommen, wurden Landesverbände gegründet. Die Arbeit für die geographische Bildung und Umwelterziehung kjonnte beginnen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, verehrte Gäste, wir sind hier zusammengekommen, um uns an diese Tage im April 1949 zu erinnern, das bisher Geschehene an uns vorüberziehen zu lassen, aber auch, um vom Heute aus zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Ich begrüße Sie alle herzlich und freue mich, dass Sie den Weg zu uns gefunden haben. Diesen Nachmittag haben wir Herrn Brandes zu verdanken, der das Haus vermittelte, in dem wir es offensichtlich gut getroffen haben. Herzlichen Dank, lieber Herr Brandes! Besonders herzlich begrüße ich unsere beiden Referenten, Herrn Professor Dr. Hermann Giesecke von der Universität Göttingen und unseren Ehrenvorsitzenden Herrn Dr. Dieter Richter, meinen erfahrenen Vorgänger im Amt und den ausgewiesenen Fachdidaktiker, der meiner herzlichen Bitte nachgekommen ist, die vergangenen 50 Jahre an uns verbal vorbeiziehen zu lassen. Auf Herrn Professor Giesecke bin ich gestoßen, als ich auf der Suche war nach einem Halt in der Brandung des allgemeinen Schulreformeifers, der - wenngleich nicht allein - unser Schulfach Erdkunde bedroht. Herr Professor Giesecke, wir unterstützen Sie nachdrücklich, wenn Sie für den Fachunterricht argumentieren! Das bedeutet nicht und hat nie bedeutet, dass sich jedes Fach für alleinseligmachend hält. Aber auch im besten Orchester muß zunächst einmal der Solist sein eigenes Instrument zum Klingen bringen, und jedes trägt zum harmonischen Klang des Ganzen dann mit seinen unverwechselbar charakteristischen Tönen bei. Der verantwortungsbewußte, fachlich und pädagogisch gleichermaßen gut ausgebildete Lehrer weiß, dass die Inhalte seines Faches in den übrigen benötigt werden, dass er auf die der anderen in seinen Stunden zurückgreifen kann und dass schließlich das Zusammenwirken aller Fächer erst das ausmacht, was unser aller Ziel an der Schule ist: Unseren Schülerinnen und Schülern eine über das Fachwissen hinausgreifende Bildung zu vermitteln, die Grundlage dafür sein kann, dass sie ihr Leben in eigener Verantwortung, bewusst und selbstständig gestalten können. Sie, Herr Professor Giesecke, stellen und beantworten die Frage: "Wozu ist die Schule da?" Muß sie dazu auch alle erzieherischen Aufgaben leisten, zu denen sich die Eltern keine Zeit mehr nehmen? Muß sie dem Zeitgeist atemlos hinterherrennen, den sie doch nicht einholen kann? Beiden Festrednern danke ich herzlich für ihre Mühen und ihre Bereitschaft, unsere kleine, bewusst eher intern gehaltene Veranstaltung am Vorabend des 52. Deutschen Geographentages zu unterstützen. Allen, die hier sind, sei es,
Ihnen allen rufe ich ein herzliches Willkommen! zu. Einige wären gerne gekommen, sind aber leider verhindert. Sie grüßen die hier Versammelten und wünschen harmonische Stunden. Zu ihnen gehört unser anderer Ehrenvorsitzender und Träger der Julius-Wagner-Medaille, Herr Dr. Heinz-Werner Friese, der in den USA weilt. Herr Dr. Werner Diehl, ehemaliger Schatzmeister, richtet Grüße aus. Er wandert in Tirol. Herr Dr. Ambros Brucker, langjähriger 1. Vorsitzender des Landesverbandes Bayern und heutiger Ehrenvorsitzender seines Landesverbandes, ist in Usbekistan. Herr Professor Dr. Hartwig Haubrich, ebenfalls Träger der Julius-Wagner-Medaille, ist kurz vor der Rückreise aus China und wird erst morgen in Hamburg sein können. Professor Rüdiger Stenzel, der mit der Willi-Walter-Puls-Medaille 1987 geehrt worden ist, feiert am 7.Oktober 1999 seinen 84. Geburtstag. Er hätte gerne ein wenig geklönt aus alten Zeiten. Aber er könne nicht mehr überall sein: Einmal brauche "ein alter Mann auch Ruhe". Seine Teilnahme absagen mußte auch Professor Dr. Niemz aus Frankfurt, der gleichermaßen Grüße an alle geschickt und zugleich darauf hingewiesen hat, dass auch die Verbandsreisen unseres Verbandes, die er seit 1987 verantwortet, heuer ihren 25. Geburtstag feiern. Herr Studiendirektor Heinz Scholze hat absagen müssen, weil er im Erzgebirge kurt. Heinz Scholze hat vor 25 Jahren die Verbandsreisen ins Leben gerufen. Mit den Verbandsreisen und mit der Person Heinz Scholze ist das Schulfarmprojekt Karadikkal bei Madurai in Südindien verbunden, das 1980 begründet wurde und von der Schulgeographie breite Unterstützung erfahren hat. Herr Scholze hat mir dazu geschrieben: "Heute ist die Schulfarm eine grüne Insel im dürregefährdeten Trockengebiet, hat für den Kokospalmenhain, die Reis- und Gemüsefelder eine Tropfenbewässerung von 4 Tiefbrunnen. (...) Die zwischen 1986 und 1989 errichtete Mädchenmittelschule hat z. Zt. 300 Schülerinnen, 200 haben sie mit gutem Zeugnis verlassen, besonders begabte werden aus dem Schulfonds gefördert. Mit den Zinsen dieses Fonds wird die Hälfte der 12 Lehrkräfte bezahlt. Das Schulfarmprojekt steht auf eigenen Füßen. Begeisternd war für mich die Werbung an über 150 deutschen Schulen mit einer Wanderausstellung Karadikkal und vielen Klassenvorträgen. (...) So kam die Summe von 300.000 DM vorwiegend aus Schulspenden zusammen, mit denen das Projekt gezielt in Schritten vorankam. Ich glaube, ich war auch einmal bei Ihnen." Ja, er war auch am Melanchthongymnasium in Bretten. Karadikkal ist ein Projekt, mit dem Erdkundelehrer schon damals - mehr als ein Jahrzehnt vor der Agenda 21 - zur Erziehung für eine nachhaltige Entwicklung beigetragen haben. Herr Scholze war in Jugenheim 1949 noch als Universitäts-Assistent dabei. Er schickte mir sein damals handgeschriebenes Konzept eines Tagungsberichts. Auch daraus möchte ich zitieren: "Ritters Auffassung, dass gerade die Geographie mit ihrem Stoffe einen entscheidenden Beitrag zur humanen Bildung, zur Völkerverständigung bringt, gewinnt in unserer heutigen politischen Lage erhöhte Bedeutung. Dies unterstrichen (bei dieser Tagung in Jugenheim) ein Vortrag über "Humanität und geographischer Unterricht" und ein Bericht über den Erdkundeunterricht in Amerika. Von diesem Gesichtspunkt muß die Heimatkunde gesehen werden, deren bildender Wert im Sinne Sprangers gewürdigt wurde, die aber doch nicht den Blick verbauen soll auf die globalen und nachbarlichen Beziehungen." Veehrte Damen und Herren, verehrte Gäste, klingt das nicht auch heute noch sehr modern? Ist das nicht in wenigen Worten viel von dem, was Geographieunterricht auch heute vermitteln soll? In den "Badischen Neuesten Nachrichten", der führenden Zeitung im Karlsruher Raum, wurde am 13. September dieses Jahres der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Erwin Teufel, zitiert. "Beides brauchen wir", sagte er in einer Ansprache an seine Baden-Württemberger - und mit "beides" meinte er Heimatverbundenheit und Weltoffenheit. Das Motto des 23. Deutschen Schulgeographentages sieben Jahre vorher, 1992 in Karlsruhe, dessen Schirmherr Erwin Teufel war, hatte das Motto "Heimatbewußtsein und Weltkenntnis - Auftrag der Schulgeographie". Hier 1999: Heimatverbundenheit und Weltoffenheit - aber dort schon 1992: Heimatbewußtsein und Weltkenntnis: Meine Damen und Herren, verehrte Gäste, Geographieunterricht ist in seinen Inhalten und Methoden aktuell, damals wie heute. Geographielehrer kennen ihre Verantwortung für die Bildung und Umwelterziehung unserer Schülerinnen und Schüler. Und sie handeln danach: Sie unterrichteten Nachhaltigkeit schon vor der Agenda 21, erkannten die Notwendigkeit, sich über die Nähe und die Ferne bewusst zu werden, während andere über die Forderung vom Nahen zum Fernen nicht hinauskamen, verbanden Natur- und Kulturwissenschaften schon, bevor Jared Diamond den Pulitzer-Preis für sein Buch "Arm und Reich - Die Schicksale menschlicher Gesellschaften" bekam, unterrichteten schon vernetzend physische und kulturelle Faktoren, lange bevor der Ruf nach fachübergreifendem und fächerverbindendem Unterricht durch die Flure der Kultusbehörden schallte, zogen Exkursionen, Lehrgänge, Betriebsbesichtigungen, Geländebegehungen oder Experimente in ihren Unterricht ein, lange bevor der handlungsorientierte und praxisbezogene Unterricht entdeckt wurde, forderten die verstärkte Einbeziehung des Computers in den Geographieunterricht, als Verlage von der Software-Entwicklung noch nichts wissen wollten. Diese Reihung ließ sich fortsetzen. Es entsteht der Eindruck, Geographieunterricht vermittele, was zeitgemäß erst sein wird. Es scheint, die öffentliche Meinung hinke hinter uns her. Ist das unser Nachteil, ist das unser Vorteil? Verehrte Gäste, wer Geburtstag hat, darf sich auch etwas wünschen. Das geschieht in der Regel aus praktischen Gründen einige Zeit vor der Feier. Meine Wünsche für den Verband Deutscher Schulgeographen sind eher ideeller Natur und konnten und können nicht durch Shopping erledigt werden. Insofern sind sie anspruchsvoll. Zudem richten sie sich an die Zukunft. Ich wünsche mir:
Wer Geburtstag hat, wird beschenkt. Ich sehe betroffene Gesichter, auf leere Taschen gerichtete Augen. Nein. Unser Geschenk ist Ihre Anwesenheit. Ich danke Ihnen dafür und wünsche uns allen einen anregend ausklingenden Nachmittag. Anschließend an die Vorträge von Herrn Dr. Richter und Herrn Professor Giesecke soll noch Zeit dafür sein, ein wenig zu plaudern oder zu fachsimpeln. Sie sind dann herzlich zu einem Imbiß eingeladen.
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