Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen.
Sie stimmen mir doch zu, wenn ich einschätze, dass 15 Millionen DM
viel Geld ist. Sie, meine Damen und Herren, repräsentieren dieses Geldkapital von
schätzungsweise 15 Millionen DM. Denn, seit der Wiedergründung des Verbandes Deutscher
Schulgeographen waren Lehrerinnen und Lehrer an Schule und Hochschule mindestens 350 000
Stunden für die Aufgaben und Zwecke des Verbandes ehrenamtlich tätig. Diese Ehrenarbeit
hat den genannten Gegenwert von rund 15 Millionen DM. An dessen Wertschöpfung waren viele
Kolleginnen und Kollegen in 50 Jahren beteiligt. Stellvertretend nenne ich:
Barners, Barsch, Batten, Bauer, Beer, Blum, Bremser, Brandes, Brucker, Ewald Clasen,
Dengel, Dippell, Drechsler, Dwars, Edelmann, Eggert, Ehrenfeuchter, Fettköter, Fick,
Finkel, Fischer, Flohr, Foss, Frank, Klaus Frey, Friese, Gandela, Gärtner, Gessner,
Graeber, Dieter Gross, Hasch, Hausmann, Heck, Heer, Hendinger, Hilgers, Hinrichs, Günter
Hoffmann, Reinhard Hoffmann, Höhmann, Gert Jahn, Walter Jahn, Jonas, Kadel, Knirsch,
Knöllner, Knübel, Reinhard Kohlmann, Richard Kohlmann, Krejci, Krohn, Kugel, Lattermann,
Lautzsch, Lorenz, Mahlendorff, Marcinek-Kinzel, Mattig, Helmut Müller, Münker, Muuss,
Nehlsen, Newe, Ottmar, Patten, Pfaff, Pfrommer, Pieken, Pitzer, Puls, Räder, Manfred
Richter, Ried, Rogge, Rolle, Rößler, Samel, Schenk, Karl Schmid, Emil Schmidt,
Schneider, Schrader, Schwabe, Schweitzer, Schwender, Sommer, Steinbrucker, Stenzel,
Sternagel, Stork, Storkebaum, Thiemann, Trauth, Uckert, van Husen, Völkel, Voßhage,
Warnecke, Weigand, Weis, Wohlgetan, Wolff, Zilk.
Sie alle leisteten Ehrenarbeit im Dienst an der Gesellschaft. Arbeit ohne Einkünfte als Lebensarbeit. Ohne diese Ehrenarbeit wäre eine Gesellschaft mit menschlichem Gesicht, wäre die Verwirkllichung von Gerechtigkeit im Sinne von Menschlichkeit nicht möglich und das Subsidiaritätsprinzip wäre ohne Ehrenarbeit nicht zu verwirklichen. Der demokratische Staat ist auf Ehrenarbeit angewiesen, deshalb muss er gewährleisten, dass der Bürger in freier Entscheidung in Verbänden tätig werden kann. Der Staat darf Ehrenarbeit weder behindern, noch diffamieren.
Ich vermeide es, an das peinliche Wort eines Politikers zu erinnern. Nein - es ist nichts als billig, für unsere Dienstleistungen an der Gesellschaft vom Staat Anerkennung zu erfahren.
Und er tut es auch: Heinz W. Friese erhält 1992 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. Mayer-Vorfelder, Minister für Kultus und Sport des Landes Baden-Württemberg sagt in seinem Grußwort zum 75. Jahrestag der Gründung des Verbandes Deutscher Schulgeographen 1987 in der Festschrift des Landesverbandes Baden-Württemberg unter anderem: "Weltkenntnis und Weltverständnis sind unerläßliche Voraussetzungen für die Herausbildung eines umfassenden geistigen Horizontes...Hierzu leistet der Erdkundeunterricht an den Schulen einen wichtigen Beitrag. Ich wünsche dem Verband Deutscher schulgeographen e.V., dass er in diesem Sinne auch in Zukunft erfolgreiche Arbeit leistet und verbinde damit meine herzlichen Glückwünsche zum 75jährigen Jubiläum."
Ich wiederhole, der Staat hat die Pflicht, geeignete Rahmenbedingungen für Ehrenarbeit in den Verbänden zu garantieren. Die materiellen Voraussetzungen für die Ehrenarbeit schaffen ohnehin unsere Mitglieder durch ihre Beiträge, nicht der Staat. Er wird entlastet, nicht belastet. Deshalb gilt der Dank zuvorderst den 5000 Mitgliedern des Verbandes Deutscher Schulgeographen. Materielle und ideelle Unterstützung erhalten wir auch aus der Wirtschaft - insbesondere von den Schulbuchverlagen. Deshalb nehmen wir diese Veranstaltung gern war, um auch unseren Sponsoren zu danken.
Der Verband anerkennt die Leistungen seiner Mitglieder durch Ehrungen
und Medaillien.
Mit der Willi-Walter-Puls Medallie wurden ausgezeichnet: 1984 Fritz Edelmann und Fritz
Knöllner;
mit der Julius- Wagner Medallie: 1977 Wilhelm Grotelüschen und M.F. Wocke, 1984 Karl Emil Fick, 1987 Rüdiger Stenzel und Wolfgang Weis, 1992 Helmtraud Hendinger, 1998 Heinz W. Friese und Hartwig Haubrich.
In der Geographischen Rundschau (1962, Seite 344 z.B.) werden als Ehrenmitglieder genannt: Ehrenvorsitzender Professor Dr.J. Wagner; Ehrenmitglieder: OStD Dr. J. Fischer, Stuttgart, Prof. Dr. E. Hinrichs, Hamburg, OStR Dr. Pfaff, Darmstadt, OStD. Dr. Krohn, Berlin, StR Dr. J. Schwender, Wiesbaden, OStR Dr. R. Bitterling, Berlin. Im Heft 1 des Jahrgangs 1962 der Geographischen Rundschau wird auf Seite 42 Moritz Durach zum 70. Geburtstag gedacht: "Wenige deutsche Schulgeographen haben in Wort und Schrift so überzeugend auf den fundamentalen Bildungsauftrag der Erdkunde hingewiesen wie Durach. Wir denken vor allem an seine Stellungnahme zu dem Entwurf eines Lehrplanes für das Gymnasium des Landes Baden-Württemberg und an den sogenannten Durach-Plan, wie er in den bekannten Richtlinien zu Ausdruck kam...Ebenso deutlich zeigte der Vorschlag, dass Schulgeographie, zusammen mit Geschichte, die gegebenen Sachwalter der Gemeinschaftskunde sind."
In der liberalen Gesellschaft marktwirtschaftlicher Ordnung ist es die vornehmste Aufgabe des Staates, Voraussetzungen für das Wohlergehen des Staatsbürgers, seiner chancengerechten Entfaltungsmöglichkeit zu schaffen. Dazu zählt die Einrichtung eines effektiven Bildungswesens. Der Verband Deutscher Schulgeographen wirkt auf diesem Feld in vielfältiger Weise kreativ mit: durch den Deutschen Schulgeographentag, einem der großen wissenschaftlichen Kongresse in Deutschland. Seit 1949 steigt die Teilnehmerzahl von einigen Dutzend auf 800 bis 1200 Kolleginnen und Kollegen an. Zusammen mit ähnlichen Kongressen in der DDR wurden in 50 Jahren über 25 000 Geographielehrerinnen und Geographielehrer an Schule und Hochschule erreicht. Kongressorte waren: 1949 Jugenheim, 1950 Clauthal-Zellerfeld, 1952 Schwäbisch Hall, 1954 Trier, 1956 Bamberg, 1958 Osnabrück, 1960 Saarbrücken, 1962 Freiburg, 1964 Flensburg, 1966 Passau, 1968 Kassel, 1970 Oldenburg, 1972 Ludwigshafen, 1974 Berlin, 1976 Düsseldorf, 1978 Augsburg, 1980 Bremen, 1982 Basel, 1984 Trier, 1986 Braunschweig, 1988 Salzburg, 1990 Kiel, 1992 Karlsruhe, 1994 Dresden, 1996 Greifswald, 1998 Regensburg, 2000 Duisburg.
Im Zuge der deutschen Teilung fanden in der DDR Jahreshauptversammlungen bzw. Wissenschaftliche Hauptversammlungen der Geographischen Gesellschaft der DDR statt: 1954 Leipzig, 1956 Eisenach, 1957 Berlin, 1958 Sellin, 1959 Potsdam, 1961 Dresden, 1964 Leipzig, 1966 Rostock, 1969 Berlin, 1970 Halle; danach Geographenkongresse der DDR: 1975 Neubrandenburg, 1978 Dresden, 1981 Leipzig, 1985 Gotha, 1989 Potsdam. W.W.Puls berichtet in der Geographischen Rundschau (1961, Seite 339): "Die in der Geographischen Gesellschaft der DDR zusammnegeschlossenen Fachkollegen aus Mitteldeutschland trafen sich zu ihrer 6. Wissenschaftlichen Hauptversammlung vom 6. - 11. Mai in Dresden...Leider waren nur zwei Westdeutsche der Einladung nach Dresden gefolgt. Das wurde allgemein bedauert und der Wunsch ausgesprochen, dass bei der nächsten Tagung, die mit Rücksicht auf den Turnus der Deutschen Geographentage erst 1964 stattfinden wird, mehr Geographen aus der Bundesrepublik Gelegenheit zu fachlichem und persönlichem Gedankenaustausch nehmen."
Die Einladung zur Jahresversammlung des Verbandes Deutscher Schulgeographen in Saarbrücken in der Geographischen Rundschau 1960 (S. 122) durch Julius Wagner hat folgenden Wortlaut: "Alle Verbandsmitglieder und Freunde der Schulgeographie sind herzlich eingeladen. Die Sitzungen finden im Kreiskulturhaus, Saarbrücken, Schloßplatz, statt (1,5 km vom Hauptbahnhof, Trolleybusverbindung Nr. 21). Die Tagungsgebühr beträgt 3,- DM für Festangestellte, 2.- DM für Nichtangestellte, 5.- DM für Nichtmitglieder." In seinem Bericht über die Jahresversammlung des Verbandes in Saarbrücken schreibt Edgar F. Warnecke in der Geographischen Rundschau (1960, S. 330): "Die Saarbrücker Tagung vereinigte rund 300 Schulgeographen aus West- und Mitteldeutschland."
Der Verband Deutscher Schulgeographen unterstützt den Staat in seinen bildungspolitischen Aufgaben desweiteren durch Landesschulgeographentage und regionale Lehrerforbildung der 16 Landesverbände. So arbeiten beispielsweise in der Tradition von Jonas und Müller auf Initiative Fettköters in Niedersachsen sechs Bezirksgruppen, die durchschnittlich drei ein- oder halbtägige Forbildungsveranstaltungen im Jahr verwirklichen. Ein fester Bestandteil der Forbildungstätigkeiten sind Verbandsexkursionen von hoher Qualität in alle Welt. H. Scholze gibt in den 70er Jahren den Anstoss zum Exkursionsprogramm des Gesamtverbandes. Professor Niemz setzt seit Jahren dessen Idee erfolgreich fort. Hinzu kommen die Programme der Landesverbände, wie das des Landesverbandes Schleswig-Holstein mit dem beispielhaften Exkursionprogramm des Kollegen Uwe Jansen.
An den wenigen Beispielen wird bereits deutlich, dass die Hauptarbeit des Verbandes von den Landesverbänden geleistet wird. Entsprechend der föderalen Ordnung in Deutschland kann es nicht anders sein. Die Landesverbände mit ihren Mitgliedern tragen vor Ort entscheidend dazu bei, Intentionen der Bildungspolitik in den Ländern in Unterricht umzusetzen. Die Geographielehrerinnen und Geographielehrer erhalten und verbessern die Qualität der geographisch-politischer Bildung durch ihren Erdkundeunterricht.
Der Verband ist auch an Veranstaltungen folgender Einrichtungen und Verbände beteiligt: Ostkolleg in Köln, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, Geographische Gesellschaften, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Deutscher Philologenverband, Bildungseinrichtungen von Parteien und Verbänden. Der Verband wird zu den bildungspolitischen Kongressen von Parteien und Verbänden geladen. Friese spricht z.B. 1990 auf der Herbstplenartagung des Bundeselternrates in Münster "Zum Stellenwert politischer Bildung in der Schule", D. Richter zur Herbstplenartagung des Bundeselternrates 1992 in Travemünde zum Thema "Europa - mehr als ein geographischer Begriff".
Der Verband unterstützt den bildungspolitischen Auftrag des Staates schließlich, in dem er seinen schulpraktischen und didaktischen Sachverstand in die staatliche Lehrplanarbeit der Länder einbringt. Er ist an der Fortentwicklung des Bildungswesens kritisch und, falls seine Gremien es für angemessen erachten, auch gegensteuernd beteiligt. Die konstruktive Arbeit an der Umsetzung der Saarbrücker Rahmenvereinbarung der Kulturtsminister der Länder 1960 unter der Federführung des Vorsitzenden Heinrich Newe und aller Landesverbände zeugt davon. So beteiligen sich 1966 Fachdidaktiker und Schulpraktiker wie Adalbert Brunner und Walter Jahn, München sowie Heinrich Lösche, Hamburg an einer pädagogischen Fachtagung der Bundeszentrale für politische Bildung zur Gemeinschaftskunde auf der Oberstufe der Höheren Schule. Robert Geipel, Rüdiger Stenzel und Ernst Höhmann organisieren in der Reinhardswaldschule bei Kassel in über zwei Jahrzehnten zahlreiche Arbeitstagungen der Fachdidaktiker an Studienseminaren und Hochschulen. Die Stapelager Tagungen des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen finden unter der Federführung von Eberhard Lison statt.
Desweiteren unterstützt der Verband den Staat in der Erfüllung seines Bildungsauftrages mit Empfehlungen zur Geographie in der Kollegstufe, zur Vereinheitlichung der Lehrpläne auf Bundesebene, zu Lehrplänen für den Geographieunterricht in den Klassen 5 - 10, mit dem Basislehrplan Geographie des Zentralverbandes der Deutschen Geographen, dem Bildungspolitische Positionspapier zur Standorbestimmung des Geographieunterrichts in der Bundesrepublik Deutschland, dem Grundlehrplan Geographie, der Würzburger Erklärung der drei Fachverbände der Fächer Erdkunde/Geographie, Geschichte und Sozialkunde/Gemeinschaftskunde/Politik, der Leipziger Erklärung zur Bedeutung der Geowissenschaften in Lehrerbildung und Schule.
Der Verband wie der Geographieunterricht der Lehrerinnen und Lehrer unterstützte und unterstützt die Staatsziele des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: das Vereinigungsgebot, das Europagebot, das Friedensgebot. Ich erinnere lediglich an eine Folge von Arbeitstagungen zur Behandlung Deutschlands im Unterricht, die Friese in Verbindung mit dem Senator für Schulwesen zu Berlin und der Bundeszentrale für politische Bildung in den 70er und 80er Jahren organisiert. Sie finden unter anderem im Reichstagsgebäude in Berlin statt.
Meine Damen und Herren, eine menschliche Gesellschaft setzt Meinungsvielfalt voraus, sie verlangt Sachverstand und Engagement, das Sich-Einsetzen des Staatsbürgers. Fachverbände sind Sammelbecken von Initiativen, sie bündeln Meinungen. Verbände sind deshalb legitime und notwendige Einrichtungen eines demokratischen und sozialen Gemeinwesens. So ist auch die Arbeit des Verbandes Deutscher Schulgeographen zu verstehen. Wir haben die Aufgabe und die staatsbürgerliche Pflicht, im Entscheidungshorizont der Bildungspolitik der Länder geographisch-politische Bildung angemessen einzufordern. Wir treten ein für geographische Bildung und Umwelterziehung auf allen Stufen und in allen Formen des Schulwesens.
Es war ohne Zweifel eine notwendige und zukunftsweisende Tat, nach 12 Jahren Diktatur der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, 1949 den Verband Deutscher Schulgeographen wiederzugründen. Seitdem sind 50 Jahre Verbandsarbeit verflossen. Mit Dr. Schallhorn steht unserem Verband seit einem Jahr erst der sechste Vorsitzende vor. Das spricht für Kontinuität und Effektivität. Jeder der Vorsitzenden hat sich in seiner Zeit den je besonderen Aufgaben gestellt. Jeder fand tragende und zukunftsweisende Antworten, die unter Mithilfe der Mitglieder in den Landesverbänden zum praktischen Handeln werden konnten. Sie, Herr Dr. Schallhorn werden die verlässliche Mitte zwischen notwendiger Veränderung und konsequenter Bewahrung zu finden und zu halten haben. Die Schlachtrufe selbsternannter Modernisierer verbleiben wohlwollend im Schall und Rauch unserer Erinnerungen.
Julius Wagner ist der Erste der sechs Vorsitzenden des Verbandes in den schweren Nachkriegsjahren von 1949 bis 1960. Mit dem Ende seiner Ehrenarbeit war die Konsolidierung des Verbandes und der geographischen Bildung in der Schule erreicht. Wagner ist mir als Referendar in seinem damals grundlegenden Werk "Der erdkundliche Unterricht" begegnet. Auf Seite 14 lesen wir unter der Überschrift "Die Stellung der Erdkunde im Kreise der Unterrichtsfächer": "In dieser Stundenplanlage ist die Geographie berufen, aufgrund ihrer Stellung zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften dem didaktischen Konzentrationsgedanken zu dienen." und weiter unten: "Der Erdkundeunterricht kann der Konzentration dadurch dienen, dass er Querverbindungen zu anderen Fächern schlägt." In der Tat, es ist so, und wir haben das Problemfeld auf einer Arbeitstagung im Institut für Länderkunde in Leipzig 1997 unter dem Thema "Das Schulfach Erdkunde als Vorreiter für fächerverbindenden Unterricht" diskutiert. Schallhorn stellte zurecht die Frage, ob denn der fachübergreifende Unterricht tatsächlich ein neues Unterrichtsprinzip sei, wie gelegentlich zu hören war. Unser Votum ist jedenfalls eindeutig: Die Geographie ist ein modernes Integrationsfach, das Zersplitterung vermeidet und Zusammenhänge wie auch Vernetzungen thematisiert und problematisiert, also der didaktischen Konzentration dient. Wie übrigens auch guter Biologie- oder Geschichtsunterricht.
Das Integrationsfach Geographie erfordert vom Lehrer die Qualifikation des kompetenden Generalisten. Deshalb muß die Lehrerbildung an Hochschule und Seminar in der erforderlichen Breite und Tiefe solide auf Bedürfnisse geographischer Bildung und Umwelterziehung hinarbeiten. Deshalb greift eine Fachdidaktik, die auf einen sozialwissenschaftlichen Lernbereich und auf Schlüsselqualifikationen zielt im Horizont geographisch-politischer Bildung zu kurz. Hier ist die Fachdidaktik an den Hochschulen gefordert, insbesondere im Aufgabenfeld methodologischer Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer. Czapek bringt es 1992 (GR, S 183) auf den Punkt: "Der Bildungsauftrag fordert von uns, nicht nur Kenntnisse zu vermitteln, sondern auch Fähigkeiten und Fertigkeiten zu schulen. Unter dieser Vorgabe sollte sehr wohl ein Ganzheitsanspruch erhoben werden, nämlich jener, dass Erdkundeunterricht eine Ganzheit von inhaltlicher und methodischer Ausbildung anstreben muss. Gemeint ist hierbei methodisches Lernen als didaktische Kategorie im Zusammenhang mit geographischen Inhalten. Erst die Verknüpfung inhaltlicher Aspekte mit methodischen Anforderungen macht die sachliche Qualität, und auch die Unverwechselbarkeit und Unverzichtbarkeit des Geographieunterrichts aus."
Unter dem Vorsitz von Oberschulrat Dr. habil. Heinrich Newe aus Hannover von 1960 bis 1966 gelingt es, vor dem Hintergrund der Saarbrücker Rahmenvereinbarungen der Kultusminister der Länder 1960 und 1962, die das Sammelfach Gemeinschaftskunde einführen, der drohenden Vernachlässigung geographischer Bildung in der gymnasialen Oberstufe zu entgehen. Schon bald nach 1945 wird die Verbesserung der politischen und sozialkundlichen Bildung angestrebt. Es bleibt jedoch im Grunde bis heute in den Auffassungen kontrovers, ob Politik/Sozialkunde ein eigenständiges Schulfach werden solle oder ob es, wie an den Integrierten Gesamtschulen, mit Geographie und Geschichte in einem Lernbereich Gesellschaftslehre aufgehen solle. Moritz Durach vertrat noch die Auffassung, die Schulgeographie und der Geschichtsunterricht seien die gegebenen Sachwalter der Gemeinchaftskunde und der politischen Bildung. Ein derartig pädagogisch plausibles Konzept didaktischer Konzentration, was übrigens ohne Not schlüssig begründet werden könnte, wäre heute wiefolgt zu akzentuieren: Die Geographie müßte, wie in Österreich verwirklicht, die Wirtschaftkunde einbeziehen und die Geschichte die Sozialkunde.
Nicht nur für die Gesamtschulen, sondern in einigen Ländern auch für andere Schulformen, werden in den 70er Jahren die Weichen für ein sozialkundliches Sammelfach gestellt. Helmtraut Hendinger und Friedrich Nehlsen versuchen zusammen mit anderen Kollegen in Hamburg in diesem unkonturierten Lernbereich den Fachbeitrag der Geographie zu verdeutlichen. Selbst habe ich mich in Niedersachsen bei der Richtlinienarbeit zum Lernbereich Welt- und Umweltkunde der Orientierungsstufe Anfang der 70er Jahre ähnlichen zeit- und kraftraubenden, letztendlich aber überflüssigen, Mühen unterzogen.
Neben der Frage nach der politischen Bildung bestimmt ein zweiter Diskussionsstrang die Nachkriegszeit: die pädagogische Diskussion über Stoffülle und Lernprozesse. Beide Forderungen setzen auch die Didaktik der Geographie in den 60er Jahren mehr und mehr unter Druck. Schulgeographen stellen sich der Herausforderung, vor allem Bauer, Börsch, Friese, Hendinger, Günter Hoffmann, Kirchberg, Kistler, Knübel, Storkebaum, Thöneböhn prägen den didaktischen Diskurs, in den Grundauffassungen überwiegend übereinstimmend mit Fachdidaktikern an Hochschulen.
Eine grundlegende Richtungsentscheidung bahnt sich in der Mitte der
70er Jahre an. Sie wird gestützt von Reformlehrbüchern. Durchsetzungskraft bis in den
Schulalltag gewinnen mindestens drei didaktisch-methodische Konzepte:
1. Grotelüschen und Schüttler, unter maßgebender Mitarbeit von Börsch, mit
"Dreimal um die Erde", dessen erster Band mit "Einzelbildern aus aller
Welt" ernst macht;
2. die produktive Kritik Arnold Schultzes an Knübels erstem Zugriff auf die Konzeption
des exemplarischen Unterrichts sowie Schultzes Lehrbuchwerk "Geographie" in der
Antizipation der "Systematischen Anthropogeographie" von Willi Czajka und
3. der sozialgeographische Ansatz des Lehrwerkes "Welt und Umwelt" von Brucker,
K. Engelhard, Haubrich, Hausmann, D. Richter.
Doch zurück zur Personalgeschichte des Verbandes. Newe verzichtet 1966 wegen starker dienstlicher Belastung auf eine Kandidatur. Die Mitgliederversammlung wählt den Oberstudienrat Dr. Willi Walter Puls aus Hamburg zum Ersten und den Gymnasialprofessor Johann Gandela aus Bamberg zum Zweiten Vorsitzenden. Puls vermag es, in den Jahren der kopernikanischen Wende in den Fachdidaktiken, dem Paradigmenwechsel geographischer Bildung, mit sicherem Gespühr für das Notwendige, tragende Konturen zu geben. Es werden Arbeitsgruppen gebildet zu folgenden Themen: "Grundsatzfragen unseres Faches" unter der Leitung von Friese, "Lehr-plan" unter der Leitung von Fritz Jonas, "Ausbildung" unter der Leitung von Barners. Puls kann für die Arbeitsgruppen eine konstruktive Konferenzarbeit sichern. Er beteiligt mehrere Schulbuchverlage inhaltlich und finanziell daran.
Die Arbeitsgruppe Lehrpläne, auch als Neu-Isenburger Kreis bekannt, befruchtet die Lehrplanarbeit in den Ländern sichtbar. Anzumerken ist die Rolle Kirchbergs, der als neutraler und ausgleichender Beobachter bemüht ist, die positiven Aspekte kontroverser Positionen hervorzuheben und zu kombinieren. Sichtbarer Ausdruck dieser Haltung sind die luziden Lehrpläne in Rheinland-Pfalz, die unter seiner Federführung erarbeitet werden.
Puls regt zum Geographentag 1969 in Kiel eine gemeinsame Sitzung der Fachdidaktiker bzw. Geographielehrer und Diplomgeographen zu Ausbildungsfragen an den Hochschulen an. Die studentischen Fachschaften bieten sich als Gesprächspartner an. Schöller und Puls leiten die Sitzung, die seither oft als Wendepunkt in der Geschichte des Schulfaches bezeichnet wird, wohl zu Unrecht. Für die Geographielehrer stellt Friese in dieser Sitzung bemerkenswerte Thesen zur Diskussion. Wichtige Anregungen kommen von Puls auch zum Raumwissenschaftlichen Curriculum-Forschungsprojekt (RCFP) des Zentralverbandes der Deutschen Geographen.
Von 1978 bis 1990 steht Heinz W. Friese an der Spitze des Verbandes. Ich hatte Gelegenheit anlässlich seiner Ehrung in Regensburg die Verdienste Frieses um geographische Bildung und Umwelterziehung darzulegen. Das ist in den Veröffentlichungen der Landesverbände nach zulesen.
Unter dem Landesvorsitz von Jonas in Niedersachsen und dem Gesamtvorsitz von Puls beginnt meine aktive Tätigkeit im Verband. Ich darf hier freimütig bekennen: Es waren für mich anregende Jahre des Sammelns und Lernens. Puls und seinem Nachfolger Friese, zwei ganz unterschiedliche Temperamente mit ganz verschiedenen Arbeitsstilen, aber auch Persönlichkeiten wie Helmtraut Hendinger, Ludwig Bauer, Günter Hoffmann und gewiss nicht zuletzt Fritz Jonas verdanke ich sehr viel. Mit Fritz Jonas, der viel zu früh von uns gehen musste, verbindet mich ein Stück Lehrplanarbeit in Niedersachsen. Es war 1972 in Braunlage, als ohne Rücksicht auf den schwer erkrankten Fritz Jonas bis zur Mitternacht um sachliche Fundierung der Rahmenrichtlinien für das Aufgabenfeld B der gymnasialen Oberstufe gerungen werden musste. Fritz Jonas verließen trotz äußerster Anstrengung die Kräfte. Er musste das Bett aufsuchen. Als ich den Aufschub der Abstimmung beantragte, nannte mich ein späterer niedersächsischer Kultusminister einen "unkritischen Pluralisten". Diese ruppige Verhandlungsmethode unter Kollegen war auch ein Stück Lebenserfahrung.
Über meine Zeit des Vorsitzes von 1990 bis 1998 erläuben Sie mir zu schweigen. Sie können aber bei Schallhorn in ihren Mitteilungen der bei Brucker anlässlich meines 60. Geburtstages im Bayerischen Schulgeographen nachlesen, sofern Ihnen der Sinn danach ist, für mich Wohltuendes zu erfahren.
Meine Damen und Herren, 50 Jahre Verbandsgeschichte sind geprägt durch
zwei herausragende Wendepunkte: 1. die didaktische Erneuerung unseres Unterrichts in den
70er Jahren und
2. die Vereinigung der beiden Staaten in Deutschland 1989/90.
Am 14.12.1989 schreibt Friese an die Landesvorseitzenden: "Im Rahmen der sich
entwickelnden innerdeutschen Beziehungen gibt es Absprachen mit geographischen Instituten
und einzelnen Kollegen in der DDR und entsprechenden Instanzen auf Seiten der
Bundesrepublik mit dem Ziel, Referentenaustausch, gemeinsame bzw. wechselseitige
Exkursionen etc. durchzuführen. Ich empfehle solche Möglichkeiten zu nutzen. Um das zu
unterstützen, habe ich am 9.12.1989 mit Herrn Professor Barth in Dresden abgesprochen,
dass uns möglichst bald Kontaktadressen mitgeteilt werden." Und es bleibt nicht bei
Sondierungsgesprächen. Im März 1990 treffen sich Vertreter beider deutscher
Schulgeographenverbände auf einer gemeinsamen Sitzung in Berlin-Steglitz. Das Ergebnis
ihrer Beratungen - eine gemeinsame Erklärung deutscher Schulgeographen- können die
Verhandlungspartner auf einem Empfang des Abgeordnetenhauses von Berlin - vertreten durch
Dr. Hanna-Renate Laurin - vorlegen.
Als der Verband am 16./17. September 1987 in Göttingen, also in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Zerschneidungsgrenze, sein 75-jähriges Jubiläum begeht, bleibt es den Schulgeographen der DDR noch versagt, mitzufeiern. Mental sind wir uns näher gewesen, als wir hoffen konnten, wie es sich schon zwei Jahre später herausstellte. Räumlich waren wir uns Nahe, jedenfalls den Kolleginnen und Kollegen in Thüringen, denn entgegen allen Erwartungen dürfen wir unter der Leitung von Dieter Börsch eine Exkursion nach Mitteldeutschland durchführen. Wir stehen mit Justus Perthes vor dem Verlagshaus seiner Väter in Gotha und wir dürfen das ehrwürdige Gebäude samt der über zweihundert jährigen Bibliothek besichtigen. Ein, wie ich meine, bemerkenswertes Ereignis.
Anläßlich des 1. Landesschulgeographentages des Landesverbandes Brandenburg im April 1991 in Potsdam kann ich verkünden: "Heute sind wir bereits ein Verband, der das Anliegen geographischer Bildung und Umwelterziehung durch 16 Landesverbände in Deutschland flächendeckend vertreten kann."
Aber, wo liegt dieses Deutschland ? Eine Frage, die in diesen Tagen neu gestellt wird. Eine Frage, die nicht einmal topographisch gelöst scheint. Folgen wir der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 18.September 1999, so liegt Mecklenburg-Vorpommern in Nordeuropa, denn in der Mecklenburgischen Seenplatte entsteht angeblich Nordeuropas größtes Tourismusprojekt!
Herr Vorsitzender, wir begrüßen also unsere Nordeuropäischen Landesverbände Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Hamburg beziehen wir großzügig mit ein. Man kann das Spielchen fortsetzen: Nach Katrin Schwarz im DLF-Länderblick vom 11.9.1995 gegen 7.38 Uhr ist "der Nationalpark Unteres Odertal sogar der erste Nationalpark in Deutschland, der die Grenzen Europas überschreitet." Nur Versprecher, oder Folgen einer verfehlten Bildungspolitik? "Was sollen nur die Nachbarn denken? Ohne Erdkunde erfahren die Kinder nicht mal, dass es welche gibt." So läßt Dieter Gross in Zusammenarbeit mit einer Berliner Elterninitiative 1993 auf allen Berliner U-Bahnhöfen plakatieren. In Niedersachsen bleiben nach den neuesten Richtlinien von 1994 Russland, China, Japan, der Pazifisch-Australische Raum, Schwarzafrika und weitestgehend Lateinamerika für die Schüler aller Schulformen eine Terra incognita.
Aber Japan hat verstanden, Niedersachsen offensichtlich noch nicht. Und was wird in Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Hessen geschehen? Die japanische Regierung hat das Integrationsfach Gesellschaftslehre durch zwei Kernfächer Geographie und Geschichte ersetzt. In Preußen führt schon in den 20er Jahren die Richardsche Reform zu dieser bildungspolitischen Setzung. Ist die Zurücknahme der Gesellschaftlehre in Japan nun eine auf Lebenswirklichkeit bezogene Bildungsreform oder ist es Restauration?
Meine Damen und Herren, ich darf einen Witz einflechten: Trifft die Erde auf einen anderen Planeten. Der Planet fragt, wie es der Erde ginge. Sie antwortet: "Ach, ich habe Homo sapiens!"
Drei grundlegenden Herausforderungen wird die Menschheit im 21. Jahrhundert nicht entrinnen können: 1. dem endlichen Systemzusammhang der Geosphäre als Lebensgrundlage, 2. der demographischen Dynamik, 3. der Globalisierung aller Lebensbereiche. Diese Herausforderungen sind von gundlegener Bedeutung für die Zivilisation der Welt. Die "Erfahrung der Liebe, der menschlichen Sexualität, des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern oder gleichgeschlechtlicher Beziehungen" (Klafki) ist vor diesem Hintergrund ein eher nachrangiges Schlüsselproblem. Die Spiele im globalen Dorf folgen anderen Gesetzen und Regeln. Es gilt, einer neuen Unübersichtlichkeit zu begegnen und Kreativität zu ermöglichen. Unübersichtlichkeit bedarf der Orientierung und des Überblicks. Kreativität bedarf des Gegenstandes und der Methode. Die Gestaltungshorizonte von Kultur, Gesellschaft und Natur erschließen sich nur durch fachliche Breite. Orientierung, Überblick und Einblick in natürliche wie geistige Zusammenhänge sind deshalb Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit. Nur so kann Deutschland seinen Spitzenplatz unter den Nationen halten, nur so ist zu verhindern, dass Deutschland zwar in der topographischen Mitte Europas verbleibt, aber auf einen Mittelplatz in der Welt abrutscht. Konzentration auf das Kerngeschäft ist gefordert.
Wir haben unser Angebot für das Kerngeschäft geographischer Bildung und Umwelterziehung an die Kultusminister der Länder in Deutschland herangetragen. Es hat einen Namen: Grundlehrplan Geographie und es gibt eine Verhandlungsbasis: kontinuierlicher Fachunterricht auf allen Stufen in allen Schulformen.
Optimismus ist Pflicht, sagt Hans Jonas. Norbert von der Ruhren postuliert: "Das Schulfach Erdkunde wird überleben - trotz aller Versuche seiner Demontage." Hartwig Haubrich urteilt weise: " Geographen sind Freunde der Erde. Geographen wissen: Wir sind nur Gast auf Erden.. Geographen glauben, dass eine zukunftsfähige Entwicklung von Menschen und Erde möglich ist." Der Geschäftsführende Vorstand des Verbandes Deutscher Schulgeographen schreibt mir zum Abschied 1998: "Ich bin Geograph", sagte der alte Herr. "Was ist das, ein Geograph?" "Das ist ein Gelehrter, der weiss, wo sich die Meere, die Ströme, die Städte, die Berge und die Wüsten befinden." "Das ist sehr interessant", sagte der kleine Prinz. "Endlich ein richtiger Beruf!"
Herr Vorsitzender, lieber Eberhard, Dir, dem geschäftsführenden Vorstand, den Landesvorständen, allen Mitgliedern, dem Verband Deutscher Schulgeographen rufe ich zu:
vivat, crescat, floriat!
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