Verband Deutscher Schulgeographen e.V. (VDSG)

Gemeinnütziger Verband für geographische Bildung und Umwelterziehung in Deutschland

 

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Der 1. Vorsitzende

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Bretten, den 15. August 2001

 

 

Leserbrief

 

zu FAZ v. 9. August 2001: Seite 1: „Wie es gewesen ist“ und Seite 4: „Nur wer die eigene Geschichte kennt, kennt seine kulturelle Identität.“

 

Da stehen sich auf der Titelseite der FAZ vom 9. August  die Meldung „Niedersachsen verkürzt Schulzeit“ und der Kommentar „Wie es gewesen ist“ zu der Forderung der Konrad-Adenauer-Stiftung ein paar Seiten weiter in derselben Ausgabe gegenüber. Da passt etwas nicht zusammen: Auf der einen Seite wird von der derzeitigen KMK-Präsidentin die Verkürzung der Schulzeit nicht nur gefordert, sondern ist im Saarland eingeführt, in Baden-Württemberg beschlossen und wird nun in Niedersachsen und Bayern auf den Weg gebracht, und auf der anderen Seite werden Forderungen nicht nur nach Geschichte ab Klasse 6 bis zum Abitur gestellt, sondern auch nach einem Fach „Wirtschaft“ (möglichst ab Klasse 5) oder nach mehr Stunden für die Naturwissenschaften oder auch für Sport, und schließlich stehen die Geographen und Geowissenschaftler nicht ganz unberechtigt auf der Matte, weil auch das Fach Geographie in bundesdeutschen Stundentafeln ein Stiefkind ist und fundierte geowissenschaftliche und geographische Bildung aufgrund des oft nur integrierten Geographieunterrichts und häufiger Ein- oder sogar Keinstündigkeit  nicht nur zu verkümmern droht, wie es der Verband deutscher Schulgeographen schon vor einem halben Jahrzehnt befürchtete, sondern inzwischen verkümmert. In baden-württembergischen Gymnasien haben Schüler/innen der 6. Klasse nach heutigem Stand mindestens 30 Wochenstunden Unterricht, das bedeutet von Montag bis Freitag sechs Unterrichtsstunden. Damit ist, wenn ehrlich argumentiert wird, die Halbtagsschule ausgereizt, und die Forderung nach neuem Samstagsunterricht wäre in der „Freizeitgesellschaft“ sicherlich unzeitgemäß. Aber schon stehen z. B. in Baden-Württemberg neue Stundentafelerweiterungen ins (Schul-) Haus, wenn die Schüler durch die Grundschule durchgewachsen sein werden, die jetzt mit der 1. Fremdsprache schon dort anfangen - dann muss für die 2. Fremdsprache ab Klasse 5 Platz geschaffen werden. Welche Stunden sollen nun zugunsten des Faches Geschichte ab Klasse 6 wegfallen? Das Fach Geographie musste in der Vergangenheit immer wieder als Steinbruch herhalten. Inzwischen erkennt man die Auswirkungen bei den Erwachsenen, den „mündigen Bürgern“, beispielsweise mangelhafte Orientierungsfähigkeit, wenig Kenntnisse über die eigene Region, das Urlaubsland und die Welt insgesamt, wenige Kenntnisse über die Komplexität des Klimas und den Witterungsablauf, kindhaftes Erstaunen über geophysikalische Naturereignisse, desolate Kenntnisse über Wirtschaft, kaum Interesse an der Stadtplanung und damit an der Kommunalpolitik, kaum Fähigkeiten, eine neue Umgebung selbständig angemessen zu „erfahren“, und so weiter. So berechtigt letztlich das Anliegen der Konrad-Adenauer-Stiftung ist, sie sollte doch nicht davon absehen, auch ihre Forderung in ihrer Komplexität zu begreifen. Im Übrigen haben sich die Fachverbände von Geschichte, Gemeinschaftskunde/Politik und Geographie in der „Würzburger Erklärung“ darauf geeinigt, dass alle drei Fächer bei fachlicher Trennung doch stets eine Einheit darstellen, die nicht auf Kosten des anderen aufgegeben werden darf. Deshalb Geschichte ab Klasse 6 durchgehend: Ja, aber nur als fachliches Terzett mit Geographie und Gemeinschaftskunde. Das wird in der Stundentafel schwierig. Deshalb wäre es sicherlich an der Zeit, zusätzlich zu den bestehenden Profilen bzw. Arten des Gymnasiums ein gymnasiales „gesellschaftswissenschaftliches“ Profil zu fordern, das in der Stundentafel dann ausreichend Platz hätte für alle drei wichtigen gesellschaftswissenschaftlichen Fächer. Dann wäre wenigstens gewährleistet, dass zumindest ein Nucleus unserer Schüler/innen wieder fundierte Kenntnisse in Geschichte, Gemeinschaftskunde und Geographie hätte.

 

 

Mit freundlichem Gruß

 

VDSG

 

(Dr. Eberhard Schallhorn)

1. Vorsitzender

 


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. September 2001


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