Aus: Wirtschaftswoche, 52,
20.12.2001
WirtschaftsWoche-Autor Christian Deysson über die
Renaissance der Geografie im Zeichen der Globalisierung von Wirtschaft, Kultur und
Terror.
In Zeiten von Krieg und Gewalt
greift der Mensch zu den Karten. Kurz nach dem japanischen Bombenangriff auf Pearl
Harbor am 7. Dezember 1941 appellierte der amerikanische Präsident Franklin D.
Roosevelt in einer Rundfunkansprache an seine Landsleute, ein jeder von ihnen
möge ,,am besten heute noch“ in den Buchladen gehen und sich eine Weltkarte
kaufen, um den Gang der Ereignisse besser verstehen zu können.
Tatsächlich
florierte in den Vereinigten Staaten daraufhin der Verkauf von Landkarten und
Atlanten, sehr zur Freude des heimischen Kartografiemarktführers Rand McNally.
Allabendlich verfolgte man im Familienkreis am Küchentisch auf den damals noch
schreiend bunten amerikanischen Weltkarten Feindattacken, Platten- und
Truppenbewegungen, Siege und Niederlagen.
60 Jahre
und eine weitere Fliegerattacke aus heiterem Himmel später kamen nun im
September erneut die Landkarten heraus. Der Fernsehsender ABC zum Beispiel
baute eine saalgroße, dreidimensionale Weltkartenlandschaft im Studio auf, in
der Anchorman Peter Jennings mal am Hindukusch entlang, dann mit ein paar
Schritten wieder zwischen Euphrat und Tigris oder am Horn Afrikas oder am
Blauen Nil einher schritt und über mögliche amerikanische Vergeltungsziele spekulierte
Angesichts
gewisser geografischer Defizite der Amerikaner - fremdländische
Ortsbezeichnungen versehen sie im Gespräch gern mit dem relativierenden Zusatz
,,wherever that may be“ - kann
Kartenstudium natürlich nie schaden. Doch nutzen wird es auch nicht allzu viel.
Denn aus Landkarten allein, so instruktiv sie auch sein mögen, ließ sich die
Welt schon zu Roosevelts Zeiten nicht mehr verstehen; heute noch weniger.
Die
Geografie ist nun einmal mehr als nur die Summe von Topografie und Kartografie.
Neben Mathematik und Philosophie zählt sie zu den ältesten kulturellen Errungenschaften
der Welt. Schon vor über 3000 Jahren ritzten die Babylonier archaische
Landkarten auf Lehmplatten; frühe indische Kulturen entwarfen Darstellungen
der Welt in Lotusblütenform; die 2200 Jahre alte Erdumfangsberechnung durch
den griechischen Geografen Eratosthenes weicht in ihrer Präzision nur um ein
Prozent vom heute ermittelten Wert ab. Immer schon stellte die Geografie ein
feines Amalgam aus Natur- und Geisteswissenschaften dar, das die Gelehrten
beider Ausrichtungen gleichermaßen faszinierte.
Geografie,
wörtlich die Aufzeichnung der Erdgestalt, ist vor allem die Lehre vom Menschen
im Raum. Der Raum ist das zentrale Konstrukt der Geografie, wie er ja auch - gemeinsam
mit der Zeit - zu den fundamentalen Realitäten der menschlichen Existenz zählt.
So wie der Mensch als Individuum und in Gesellschaft unwillkürlich und
unablässig am Faden der Geschichte weiterspinnt, so bringt er auch immer wieder
neue Raumvarianten hervor: Staatsraum,
Wirtschaftraum, Kulturraum, Sprachraum, ,,Lebensraum“ (im Dritten
Reich), urbanen Raum, sozialen Raum...
DIE POSTMODERNE gebar
schließlich auch noch den virtuellen Raum der Computerwelt, in dem es - nicht
zufällig - von geografischen Metaphern nur so wimmelt: Netzwerke als
Informationslandschaften, in denen die IP-Adressen (also die individuelle
Kennung der einzelnen Computer im Netz) gleichsam als geografische Koordinaten
und unverwechselbare Ortsbezeichnungen fungieren, Internet-Sites (site ist ja nur das
englische Wort für Ort oder Platz), von denen oftmals wiederum Site maps also
eine andere Form von ,,Landkarten", angelegt werden.
Wenn er der Bedingtheit durch Zeit
und Raum nicht entfliehen kann, so versucht der Mensch doch von jeher, sie zu
erforschen. Insofern sind Geografie und Geschichte Geschwister. Was die Geschichte
für die Zeit das ist die Geografie für den Raum: Sie begreift ihn, indem sie
ihn mit wissenschaftlicher Systematik erkundet, analysiert, gliedert und strukturiert,
gerade so wie die Historie mit der Zeit verfährt. -
Es bedurfte schon der Endzeitstimmung des
ausgehenden 20. Jahrhunderts, um sich im Ernst einzubilden dass es mit diesem
langlebigen Geschwisterpaar einfach zu Ende gehen könnte. Von einer gewissen
Originalitätssucht getrieben, verkündeten postmoderne
Denker alle
paar Monate das Ende von etwas erwiesenermaßen Bestätigtem. Etwa zeitgleich mit
dem Ende der Geschichte wurde denn auch das ende der Geografie eingeläutet.
Der französische Philosoph Paul
Virilio sah das Finale als eine notwendige
Folge des von ihm konstatierten „Verschwinden des Raums“. Der allgemeine
Beschleunigungswahn der in den letzten Jahren zur weltweiten Ausbreitung der
Echtzeit führte, habe den Realraum zum Verschwinden gebracht,
behauptet der französische Philosoph. Wo aber kein Raum sei, da könne es
logischer Weise auch keine Geografie
geben.
Das von Virilio verkündete ,,Ende der
Geografie" hatten Amerikas Hochschulen auf ganz andere Weise gut 40 Jahre
zuvor schon in der Praxis vorweggenommen Tat sächlich schlossen damals fast
alle Ivy-League-Universitäten ihre Geografieabteilungen - mit der etwas
dürftigen Begründung, dass die Gestalt der Erde ja nun ausreichend bekannt und
die Geografie als Forschungsgegenstand somit erledigt sei. Fortan fristete sie
in den USA ein Schattendasein als ,,reine Servicedisziplin mit einem
ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex", wie es der in Amerika arbeitende
britische Geograf David Harvey ausdrückt.
Harvey gehört zu einer
rasch wachsenden Gruppe selbstproklamierter ,,kritischer Geografen" im
angelsächsischen Kulturraum, welche die lang darbende Disziplin neu
definieren und sie als ,,New Geography" wieder beleben wollen. Ausgehend
von der Globalisierungsdebatte setzen sie den Akzent auf die Humangeografie,
also den Teil der Wissenschaft, der sich mit den Beziehungen zwischen Mensch,
Erde, Raum und Umwelt befasst. Mehr noch als für die Erdoberfläche interessieren
sich kritische Geografen für die Topografie der Gesellschaften. Spannungen
zwischen so genannten Kulturerdteilen sind für sie nicht minder bedrohlich
als die zwischen driftenden kontinentalen Erdschollen.
Als
kritisch empfinden sie sich aber auch, weil sie die häufig eurozentristisch gefärbten
Arbeitsthesen und -methoden ihrer eigenen Disziplin in dekonstruktiver Manier
listig hinterfragen. Jedenfalls bescherten sie den Geowissenschaften in den USA
und
in England seit ein paar Jahren ein fulminantes Comeback. Hochzufrieden registriert
der Vordenker Harvey: ,,Jetzt hat die Geografie hier zu Lande endlich wieder
eine intellektuelle Aura."
Das gilt übrigens nicht nur für Amerika. Die
Franzosen, als Nachfahren einer einstigen Kolonialmacht geografischen Zusammenhängen
sowieso aufgeschlossen, geben sich derzeit einer regelrechten Geografiebegeisterung hin. In Paris und einem
Dutzend Provinzstädten hat sich nach dem Muster philosophischen Cafes jetzt
auch die Institution des ,,Café
Géographique" etabliert.
Die Themen
der regelmäßig stattfindenden, von renommierten Geowissenschaftlern moderierten
Vorträge und Debatten, reichen von der Kulturgeografie des Islam und der
Verwundbarkeit städtischer Ballungszentren über russische Geopolitik und die
Geografie des Kakaos bis zu trivialgeografischen Frage nach dem Raum- und
Geografieverständnis des französischen Comichelden Tintin (deutsch: Tim). Im
Verlauf exquisiter ,,Diners géographiques" debattieren die französischen
Amateurgeografen bei japanischer, madagassischer peruanischer oder kongolesischer
Küche vollen Mundes über die Finalität
Europas, die Begriffsdefinition des Balkans oder die kulturelle Ausstrahlung
des Vorderen Orients.
GANZ ANDERS IN
DEUTSCHLAND. Litt die Geografie in Amerika nach dem Zweiten Weltkrieg
unter Minderwertigkeitskomplexen, so war sie hier zu Lande mit dem typischen
Schuldkomplex behaftet. Immerhin hatte ein renommierter Geograf die geistige
Vorarbeit für die von den Nationalsozialisten mit unerbittlicher Konsequenz
praktizierte Politik des ,,Lebensraums" geleistet. Der in den Zwanziger-
und Dreißigerjahren prominente Münchner Geopolitiker und Exgeneral Karl
Haushofer hatte einem gelehrigen Schüler namens Adolf Hitler jahrelang
Privatunterricht in Geopolitik erteilt und ihm somit nicht nur den
wissenschaftlichen Unterbau, sondern auch das ideologische Rüstzeug für seine
Eroberungsfeldzüge geliefert. Dadurch war der Begriff des geografischen Raums
in Deutschland hochgradig kontaminiert. ,,Was mit Raum und Geografie zu tun hatte,
war nach dem Krieg für lange Zeit ,out"', bemerkt der Historiker Karl
Schlögel, ,,schon die harmlose, aber zutreffende Feststellung, dass
Deutschland ,mitten in Europa' lag, stand unter Ideologieverdacht.
Entsprechend
groß war die Zurückhaltung der deutschen Wissenschaftler gegenüber jeder Form
von politischer Geografie. Ängstlich verschanzten sie sich in diskursiv
sicheren Arbeitsgebieten wie der physischen Geografie oder der
Regionalgeografie, gruben sich in geografischem Provinzialismus ein und
kalfaterten in unverdächtiger Stadt-Land-Fluss-Geografie herum.
Das traurige Ergebnis: Seit
Kriegsende hatte sich Deutschland ,,aus den vordersten Reihen der Geowissenschaften
verabschiedet", wie der Humangeograf Hans Gebhardt, Professor und Dekan an
der Universität Heidelberg, bedauernd
feststellt.
Erst seit
ein paar Jahren - und inspiriert von den Lockerungsübungen der kritischen
Geografen - lösen sich auch hier zu Lande die Hochschulen wieder von der rein
physischen Geografie. Die Disziplin erinnert sich ihrer eminent politischen
und gesellschaftlichen Dimension. ,,Heute wendet sich die Geografie wieder
verstärkt dem Spannungsverhältnis von Akteuren und Macht im Raum zu",
erklärt Professor Gebhardt. Für ihn ist ,,New Geography" denn auch nichts
anderes als ,,Geografie, die sich wieder auf ihre alten Stärken besinnt".
Das
impliziert natürlich, dass sich die Geografen mit besonderer Aufmerksamkeit den
räumlichen Folgen der Globalisierung widmen müssen. Die räumlichen Folgen des
Globalisierungsprozesses - noch nie zuvor nahmen sie so grausige Formen an wie
bei den Terrorattacken von New York und Washington, die ja nicht nur der Supermacht
Amerika, sondern auch dem Prozess der Globalisierung gegolten haben dürften.
Zum Wesen der Globalisierung gehört es leider, dass nicht nur Wirtschaft,
Märkte und Kulturen, sondern auch Fanatismus und Terrorismus künftig weltweit
ausstrahlen.
Die fatale
Tektonik des Terrorismus, die das Weltbeben am World Trade Center auslöste,
ließ sich mit dem im Kalten Krieg erprobten geheimdienstlichen Instrumentarium
nicht erspüren. Um die von einem fromm lächelnden, dünnbärtigen Millionär am
Hindukusch nach Harburg und von dort zur Hudson-Mündung im Verborgenen
laufenden Verwerfungslinien des Hasses zu Orten, hätte es subtilerer Mittel bedurft
als der obsoleten Fertigkeit des Raketenzählens: Hier wären humangeografisches
Wissen und das rechte Gespür fürs kulturell Fremde weit hilfreicher gewesen.
Eine oft vernachlässigte
geografische Grundregel besagt, dass fast alle Dinge und Orte auf der Welt
untereinander in Beziehung stehen und in hohem Maße voneinander abhängig
sind. ,,Geografen lernen die Welt verstehen, indem sie danach fragen, warum
sich wo welche Dinge ereignen“, steht im Einleitungskapitel eines Geografielehrbuchs.
Wie richtig! Die globalisierte und vernetzte Welt ist ein geschlossenes
System, in dem keine Ursache ohne Wirkung bleibt. Umgekehrt gesagt: Jedes
vorderhand noch so unerklärlich erscheinende Ereignis lässt sich im hermetischen
System der Geografie auf eine konkrete Ursache zurückführen.
KLIMAFORSCHER GEBRAUCHEN zuweilen
das Bild vom Flügelschlag eines Schmetterlings in China, der eine Springflut
auf der anderen Pazifikseite heraufbeschwören kann. Genau so kann offenbar der
Unmut, den ein islamischer Charismatiker irgendwo in Zentralasien über eine
Coca-Cola-Dose empfindet, im Verlauf einer komplizierten Kettenreaktion die
Topografie der Halbinsel Manhattan zerstörerisch verändern. Man muss den Charismatiker, seinen Unmut und den Weg, den er nimmt, nur beizeiten erkennen.
Wichtiger noch, als den
Terrorismus zu bekämpfen, ist es also, ihm epidemiologisch vorzubeugen wie
einer globalen Seuche. Terrorismus, Aids oder Ebola, die Strategie ist
letztlich die gleiche: Erst muss man die räumlichen Muster und die
soziokulturellen Gesetzmäßigkeiten erkennen, nach denen sich eine Plage
geografisch ausbreitet, dann erst hat man Chancen, sie halbwegs
wirksam einzudämmen.
Das Ende
der Geografie? Nichts könnte falscher sein! Die Akzente mögen sich verschoben
haben, aber Geografieverständnis ist heute wichtiger und geografischer
Analphabetismus gefährlicher als je zuvor. Die deutsche Bildungspolitik,
derzeit im Kreuzfeuer, wird von den professionellen Geografen beschuldigt, das
Geografieverständnis an den Schulen zu vernachlässigen. Deutschlands Schüler hinken auch in Geografie international hinterher - ein
fatales Omen. Eine Gesellschaft, die keine Ahnung vom Raum hat, in dem sie
sich bewegt, tappt im globalen Dorf fast noch dümmer herum als eine, die nicht
richtig schreiben und lesen kann.
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