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Prof.
Dr. Wolf Dieter Blümel (Institut für
Geographie, Universität Stuttgart) „2002
– Jahr der Geowissenschaften“ – Der Beitrag der Geographie zur
geowissenschaftlichen Bildung (Sinngemäße
und gekürzte Wiedergabe eines Vortrags anlässlich des 28. Deutschen Schulgeographentags
in Wien, 25. September 2002) Vorgetragen wird eine ganz
persönliche Einschätzung zur Stellung des Faches Geographie als Wissenschaft
und Bildungsfach im Kontext der Geowissenschaften i.e.S. (Geologie,
Mineralogie, Geophysik). Betont werden dabei insbesondere die Perspektiven
der Physischen Geographie, der mögliche
Beitrag der Geographie zur geowissenschaftlichen Bildung und Optionen des
Faches, die sicherlich nicht alle neu sind ... Warum ‚Jahr der Geowissenschaften‘? Frau
Minister Edelgard Bulmahn ruft 2002 zum Jahr der Geowissenschaften aus. Die
Reihe solcher ‚Wissenschaftsjahre‘ soll den Dialog Wissenschaft –
Gesellschaft fördern. Dass die Geowissenschaften so früh zum Zuge kommen, mag
ein Erfolg der Lobbyarbeit durch persönlichen Kontakt und Wertschätzung
geowissenschaftlicher Fachvertreter sein. Möglicherweise ist es dem Präsidenten
der Alfred-Wegener-Stiftung (AWS) – Herrn Prof. Dr. R. Emmermann – zu
verdanken, dass den Geowissenschaften ein offizielles Forum angeboten wurde,
sich in der Öffentlichkeit gebührend zu präsentieren und ihre
fachwissenschaftliche wie bildungspolitische Bedeutung zu betonen. Die AWS
ist ein Dachverband der Geowissenschaften und versteht sich als deren Lobby.
Sie vereinigt zahlreiche ‚Trägergesellschaften‘, zu der auch die DGfG
(Deutsche Gesellschaft für Geographie) und mit ihr auch der Verband Deutscher
Schulgeographen (VDSG) gehört. Nicht
nur die die Geographie beklagt seit langem die mangelnde Wahrnehmung und
Wertschätzung in Öffentlichkeit und Gesellschaft. Auch die sog. ‚harten‘
Geowissenschaften spüren Bedeutungsverlust, Image-Defizite, mangelnde
Medienpräsenz usw.. Beide Gruppierungen – ‚harte‘ Geowississenschaften und
Geographie sind sich aber einig: Sie haben elementare Bedeutung für die zukünftige
Entwicklung und Zukunftssicherung. Sie wollen ihre Rolle als Bildungsfächer
stärken. Und sie wollen sich nicht nur als Grundlagenwissenschaften, sondern
auch als Angewandte Wissenschaften verstanden und akzeptiert wissen. Eine
wesentliche Erkenntnis hat sich auch bei Geologen und Geophysikern durchgesetzt: Die Schule ist Rezeptor und bedeutender
Multiplikator ihrer Botschaften. Mit der ‚Leipziger
Erklärung‘ (1996) wurde der Anfang gemacht, vermehrt geowissenschaftliche
(i.e.S) Inhalte über das Fach Geographie in die Curricula einzuspeisen,
insgesamt zu einer Aufwertung geowissenschaftlicher Bildung zu gelangen. Es
war jedoch wenig Wirkung oder Aktivität spürbar, wenig Emphase der
Angesprochenen, ihren Einfluss auf Bildungspolitiker und Ministerien geltend
zu machen. Der Versuch scheint verebbt... Mit
dem ‚Jahr der Geowissenschaften 2002‘
wird ein wesentlich wirksamer neuer Anlauf versucht, ‚Image‘ zu pflegen,
aufzuklären, Bedeutung zu betonen, sich im Kontext anderer Wissenschaften zu
behaupten und neu zu profilieren. Dies geschieht über die Medien, vor allem
aber über unmittelbare Angebote an die interessierte oder zu interessierende
Öffentlichkeit (Exkursionen, Führungen, ‚Events‘, Vorträge, ‚Tag des
Geotops‘, Großveranstaltungen/Kongresse oder Publikationen). In diese
Richtung zielt auch eine Buchveröffentlichung mit dem Titel „Geographie heute – für die Welt von
morgen“ (hrsg. von E. Ehlers
und H. Leser; Klett-Perthes-Verlag, Gotha/Suttgart), das anlässlich einer
geographischen Großveranstaltung zum Jahr der Geowissenschaften (‚Menschenwelten‘) am 8. November in
Bonn vorgestellt wird. Regional
gesehen, werden solche Veranstaltungsangebote zum Jahr der Geowissenschaften
unter dem Logo ‚Planet Erde‘
gemeinsam von einer Vielzahl irgendwie ‚geowissenschaftlich‘ ausgerichteter
Institutionen entwickelt und veröffentlicht (zumindest in Baden-Württemberg).
Betrachtet man aber die Aktivitäten auf Bundesebene oder Großveranstaltungen
wie in Berlin oder Würzburg, so stellt man fest, dass die Geographie des
öfteren bewusst außen vor bleibt, nicht in das Programm integriert wird. Die
Geographie andererseits bietet ein eigenständiges, vielfältiges und
attraktives Angebot. Wo
also steht die Geographie im Verbund der Geowissenschaften? (Ist sie ein Paria in der vermeintlich ‘vornehmen geowissenschaftlichen
Gesellschaft‘? Oder können wir uns doch als Teil einer großen
Interessensgemeinschaft fühlen, zumindest im Sinne o. a. Lobby?) Die
Geographie mit ihren großen Zahlen an Schülern, Geographielehrern, Studierenden,
Hochschulangehörigen und ‚Angewandten Geographen‘ in der freien Wirtschaft,
in Behörden usw. stellen in einem Verband wie der AWS eine attraktive Gruppe
– zumindest zahlenmäßig (ca.
20000/25000). Wir sind als Geographen-Verband inzwischen im Präsidium durchaus
gut repräsentiert. Da hat sich auf der formellen Ebene vieles geändert. Wie
steht es aber um die Akzeptanz als wissenschaftliches Fach innerhalb der Geowissenschaften?
Hier spürt man ganz klare Vorbehalte und Vorurteile, die Geographie als Wissenschaft
anzuerkennen, sie ernst zu nehmen. Sie erscheint vielen als
‚hermaphroditisches‘ Wesen und damit sehr suspekt. Es besteht insgesamt aus
meiner Sicht eine deutliche emotionale Schranke und Widersprüchlichkeit im
Verhältnis Geographie / Geowissenschaften: Die eine oder andere Hand der
Geowissenschaften ist ausgestreckt und versucht, mit Teilen der Geographie
(z.B. physisch-geographischen Universitäts-Abteilungen) zu kooperieren oder
sie zu integrieren. Andernorts wird Fach Geographie als Ganzes brüskiert und
abgestoßen. Die
Geographie sollte sich trotz dieses Dilemmas ihrer schwierigen Positionierung
als Wissenschaft als eine Geowissenschaft
verstehen und sich nach außen hin sprachlich auch so einordnen. Schließlich
ist Geographie ein elementarer Teil der ‚Earth
System Science‘ – wie sich die moderne ‚harte‘ Geowissenschaft versteht.
– Die Begründung liegt auf der Hand: Ohne die Einbeziehung der Anthroposphäre
bleibt ‚Erdsystemwissenschaft‘ ein Torso. Der Physiker und Atmosphärenchemiker
P. J. Crutzen (Ozon-Forscher)
bezeichnet die geologische Gegenwart schlagkräftig und zutreffend (in Anlehnung an die Zeitbegriffe Holozän
oder Pleistozän) als ‚Anthropozän‘: Es gibt kaum eine Sphäre im Schalenbau der Erde, die nicht
durch menschliche Aktivitäten nachhaltig (negativ) beeinflußt und verändert
worden ist oder gegenwärtig verändert wird! Der
Mensch ist der geomorphydynamisch wichtigste und steuernde Faktor geworden.
Diese Behauptung können Sie täglich in der Presse bestätigt finden.
Schließlich sind viele vermeintliche ‚Naturkatastrophen‘ und Desaster nichts
anderes als geomorphodynamische Reaktionen in einem komplexen physikalischen
System. Viele der Veränderungsprozesse haben nachteilige oder gar
irreversible Folgen aus ökosystemarer Sicht, in Bezug auf die regionale
Tragfähigkeit oder generell die Lebensraumqualität. Die anthropogenen
Eingriffe haben längst die Ebene lokaler oder regionaler Veränderungen
überschritten und globale Dimensionen erreicht. Betrachten wir nur die
Bioversität, die geradezu ein apokalyptisches Ausmaß anzunehmen droht. Nach
den neuesten Erkenntnissen werden jährlich neun bis fünfzehn Millionen Hektar
Wald vernichtet. Die Zahl der täglich unwiederbringlich aussterbenden Arten
ist ebenso unbekannt wie die Zahl der auf der Erde lebenden Spezies. Es
verschwinden also Arten, bevor sie eigentlich entdeckt und in ihrem ökosystemaren
Zusammenhang analysiert wurden – ein schwer zu bewertender, aber sicherlich
folgenschwerer Verlust! Aktionsfeld
dieser Veränderungen ist die Erdoberfläche -
der Durchdringungsbereich von Atmosphäre und Lithosphäre -
und damit räumlich die klassische Domäne der Geographie. Natürlich
werden geographische Themen nicht nur von Geographen bearbeitet, doch sollten
wir selbstbewusst die Fragestellungen bearbeiten, für die wir methodisch
kompetent sind. Die Erdoberfläche als größte terrestrische Energieumsatzfläche
mit ihren Begleitsphären wie Atmosphäre, Reliefsphäre, Pedosphäre,
Hydrosphäre, Biosphäre usw., - dies ist physisches Milieu. Aus ihm heraus lebt der Mensch und auf das
wirkt er ein. Das ist ‚Umwelt‘. Und die Lehre von der Integration der
Geo- und Biofaktoren ist ureigene geographische Disziplin, die sich in
der modernen Landschaftsökologie
ausdrückt. Carl Troll hat sie
aus dem generellen synthetischen Ansatz geographischer Denk- und Arbeitsweise
‚herausgefiltert‘. Der ökologische Erklärungsansatz ist ein Identität
schaffender zentraler Teil unseres Faches. Keine konkurrierende oder
benachbarte Geowissenschaft oder Wirtschafts- und Sozialwissenschaft besitzt
eine vergleichbare Qualität. - Die Geographie ist gut beraten, wenn sie
sich auf ihre eigenen Stärken besinnt und ihre Kräfte bündelt. Die
Physische Geographie und Geographie als Ganzes sehen sich inzwischen verstärkt
unter Konkurrenzdruck. Immer mehr Disziplinen entdecken nämlich den Raum! Da
die Physische Geographie ihre Eigenständigkeit bewahrte, weiterhin eine organisatorische
Einheit mit der Anthropogeographie bildete und ein Verschmelzen mit den
‚harten‘ Geowissenschaften schon aus fachwissenschaftlichen Gründen nahezu unmöglich
ist, versuchen die Geowissenschaften neue Territorien zu erobern: Umweltgeologie,
Umweltmineralogie, Umweltgeophysik, Umweltgeochemie u.a. sind recht neue
Schlagworte. Wir
müssen auf der Hut sein, dass uns originär geographisch-vernetztes Denken im
Verdrängungswettkampf nicht verloren geht. Was die neuen Umweltlehren
anbieten, ist kein gleichwertiger Ersatz für die Geographie, ebensowenig, wie
die Biologie diese Rolle als Schulfach kompetent und umfassend darstellen könnte
... Es gibt keine Geographie ohne
Raum und keine Geographie ohne synthetischen Erklärungsansatz. Wir sollten selbstbewusst die
Position vertreten: Geographie ist ein
integraler, unverzichtbarer Bestandteil der Erdsystemforschung. Um diese Rolle auszuüben,
müssen vor allem ideologische Hemnisse in den eigenen Reihen aus dem Weg
geräumt werden. Das ist in meiner Auffassung die Spaltung unseres Faches und
die fachinterne Apartheid – die getrennte, eigenständige Entwicklung zwischen
Anthropogeographie und Physischer Geographie. Sie stehen einer Renaissance der Geographie als Wissenschaft
und Bildungsfach im Wege. (Dass eine Renaissance der Geographie in der Schule und in der Öffentlichkeit
möglich ist, können Sie in Amerika und Großbritannien erleben: Hier spielt
die Geographie eine bedeutsame Rolle im Fächercanon. Der Slogan ‚Rediscover
Geography!‘ könnte auch unsere Parole sein.) Häufige
Vorwürfe von außen lauten, die Geographie sei in keine definierte Wissenschaftsschublade
einzuordnen; sie sei Markt der Beliebigkeiten; sie besitze keine eigene
Methodik und lasse kein klares Profil erkennen. „Geography is what Geographers
do“ - diese selbstironisch gemeinte Definition kennzeichnet aber tatsächlich
als Verlegenheitsbeschreibung unsere
Erklärungsnöte. Es fällt uns schwer, griffige Kernsätze zur
Selbscharakteristik und Abgrenzung gegen andere Wissenschaften zu streuen.
Was uns fehlt, ist ‚Orientierung‘ /
‚Ausrichtung‘ / Sichtbarmachung eines Profils bzw. Akzentuierung des Profils
- trotz inhaltlicher Vielfalt ist
Besinnung auf eine gemeinsame Mitte, auf die Schnittstellen Mensch – Natur dringend geboten. Worin
liegen unsere Identitätsprobleme begründet? Die Geographie hat ihr Wesensmerkmal
aufgegeben; sie hat ihre fachliche Einheit verloren. Allein hierin zeigt sich
das Dilemma, in dem sich die Geographie lange Zeit befand und vielleicht
allmählich wieder herausfindet: Das Trauma der Spaltung und Zerschlagung
eines Faches, dass sich einst als Einheit verstand und in der synthetischen
Länderkunde seinen Ausdruck fand, ist noch nicht abgeklungen. Mit den
gesellschaftlichen Turbulenzen Ende der 60-er Jahre wurde letztlich auf dem
Kieler Geographentag die Länderkunde für tot erklärt und die Physische
Geographie als gesellschaftlich nicht relevant eingestuft. Die Physische
Geographie führte in der Folgezeit ein Eigenleben – wissenschaftlich recht
erfolgreich, methodisch sehr fortschrittlich. Dies allerdings im
Schmollwinkel; auf Geographentagen häufig thematisch ausgerenzt oder
unterrepräsentiert. Oder Physische Geographen mieden dieses Forum und
entwickelten ihre eigenen Fachtreffen, Kooperations- und
Kommunikationsnetzwerke. Lokal gingen sie auf ‚Schmusekurs‘ mit den harten
Geowissenschaften an. Fazit: Anthropogeographie und Physische Geographie
durchliefen in den letzten Jahrzehnten eine eigenständige, bewusst getrennte
Entwicklung – ‚Apartheid‘. (Soweit meine simple Anamnese. Sie sollte
bewusst noch einmal aufgeschlagen werden, um auch therapieren zu können, um
Perspektiven aufzuzeigen.) Wie
folgenschwer die ideologisch motivierte Spaltung der Geographie war, wissen
Sie als Schulgeographen in Anbetracht Ihrer Curricula am besten. Ein Fach,
das für sich reklamieren konnte, Synthese und Erklärung zu pflegen – nicht
bloße Beschreibung – verlor an Boden. Wenige Jahre später erfand der Biologie
Frederic Vester das ‚vernetzte Denken‘
neu bzw. propagierte es als Innovation. Unser Fach besaß und besitzt dieses
als unverwechselbares Merkmal jedoch seit Alexander
von Humboldt und Karl Ritter.
Im raumbezogenen Synthese-Ansatz liegt seine Qualität als Wissenschaft. Dass
dabei Methoden verschiedenster Wissenschaften oder Disziplinen von der
Geographie verwendet werden, um fundierte Antworten zu geben, sehe ich eher
als Stärke denn als Schwäche unseres Faches. Nutzen
wir also P. J. Crutzens
Begriffsbestimmung der erdgeschichtlichen Gegenwart für unsere
Positionierung: Das „Anthropozän“ – es bietet Chancen einer Rückbesinnung und
neuen Standortbestimmung der Geographie innerhalb der Geowissenschaften! ---------------------------- Versuch
einer Positionsbeschreibung und Perspektive für die drei breiten Felder der
Geographie: 1. Geographie als inter- und
transdisziplinäre Wissenschaft Physische Geographie plus Anthropogeographie bilden eine
Fachwissenschaft an der Schnittstelle von Naturwissenschaften und Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften, die in Lehre und Forschung wie kein anderes Fach
interdisziplinär ausgerichtet ist. oder: Das
Fach Geographie erfüllt als ‚Brückenfach‘ zwischen natur-,
wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen sowie ingenieurwissenschaftlichen
Fächern wichtige Funktionen der Verknüpfung und Ergänzung durch raumbezogene
Lehr- und Forschungsinhalte sowie Praxisorientierung. (Die Brückenfachfunktion wird im
Studium sichtbar z.B. in den Nebenfächern im Diplomstudiengang Geographie.
Dass die Geographie in dieser integrierenden Funktion auch in der Praxis
geschätzt wird, zeigt unser Stuttgarter Beispiel: An zahlreichen ingenieurwissenschaftlichen
Instituten der Universität sind Geographen als Wissenschaftliche
Mitarbeiter/innen angestellt.) Die
nachstehende Graphik (dpa-Mitteilung
Anfang Sept. 2002) zu den „wichtigsten Umweltproblemen des 21.
Jahrhunderts“ dokumentiert überzeugend die Aufgabenstellung und (mögliche)
zukünftige Positionierung der
Geographie: Der weit überwiegende Teil der Fragen und Probleme stammt aus
dem Bereich der Physischen Geographie und Gesamtgeographie! GRAPHIK ‚Umweltprobleme des 21. Jahrhunderts‘ einfügen Zentrale
aktuelle wie zukünftige Forschungsfragen der Geographie stellen sich gerade
im Schnittbereich zwischen Natur- und Sozialwissenschaften: „Hazard- (Katastrophen-) Forschung“,
„Global Change“ und „Nachhaltigkeit“ sind Leitbegriffe
für Problemstellungen, die eine fachübergreifende Zusammenarbeit
erfordern. Die Geographie als Querschnittsdisziplin kann (und sollte) eine
Schlüsselstellung einnehmen, wenn es darum geht, überzeugende Lösungsansätze
für die Sicherung und den Erhalt von Lebensräumen zu entwickeln. Um
die Position der Physischen Geographie in der Forschungsförderung durch die
DFG einmal anzusprechen: An den deutschen Universitäten gibt es etwa 1/3 physisch-geographische
Wissenschaftlerstellen und 2/3 Anthropogeographen. Die Mittel für die
Forschungsförderung durch die DFG zeigen ein umgekehrtes Verhältnis. Und auch
hier ist festzuhalten: Die Mehrzahl der Forschungsvorhaben Physischer Geographen
haben einen unmittelbaren Bezug zur Anthroposphäre i.w.S., beschäftigen sich
mit Umweltforschung. Auffällig und signifikant ist, dass Wissenschaft und Praxisorientierung
bei vielen Themen nicht zu trennen sind. (s. Auflistung ‚Aktuelle Forschungsthemen‘).
Fachpolitisch wie inhaltlich erscheint es dringend geboten, neben
fachübergreifender Kooperation vor allem die Zusammenarbeit in den eigenen Reihen
- also mit der Anthropogeographie – wiederherstellen bzw. zu verstärken. Aktuelle Forschungsthemen der PHYSISCHEN GEOGRAPHIE (Auswahl
aus DFG-Förderung) ● Umweltmonitoring mit Methoden der Fernerkundung, Bioindikation
und GIS; ● Naturgefahrenforschung auf der Basis geomorphologischer,
hydrologischer und klimatischer Grundlagen, heute unter Einsatz von GIS,
digitalen Höhenmodellen und Modellierungsansätzen, Datenbanksysteme ● Entwicklung von Risikoanalysen und Vorsorgekonzepte ● Landschaftsökologische
Komplexanalysen; Nachhaltigkeitsstudien;
Flächenbewertung u. a. ● Erkundung des oberflächennahen Untergrundes
(Kontaminationen, Schadstoffpfade, Filter- und Pufferfunktion usw.) ● Erstellung von Schutzkonzepten (Boden, Gewässer,
Klima etc.) ● Rekonstruktion von
Paläoklimaten und Klimamodellierung; Entwicklung von Scenarien im Rahmen von Global Warming ● zunehmende Kooperation mit Archäologie und Geschichtswissenschaften
(absolute Altersbestimmungsmethoden; Umweltrekonstruktion;
Landschaftsveränderung u. a.) Fazit: Bei
physisch-geographischen Forschungsthemen existieren in der Mehrzahl deutliche
anthropogeographische Bezüge. 2. Geographie als integrative
planungsrelevante, gestaltende angewandte Wissenschaft Zitat
(H. Blotevogel / ehem. Präsident der DGfG) „Die besondere Kompetenz der Geographie liegt in der Lösung solcher
komplexen Problemstellungen, die sowohl die physische als auch die soziale
Umwelt betreffen. Diese übergreifende, ökologische Betrachtungsweise des
Gesellschafts-Umwelt-Verhältnisses bildet einen zentralen Kern des Faches und
liefert einen wichtigen Beitrag für die raumbezogene Planung und Politik...“ Letztlich
sind dies alles Fragen und Probleme, bei denen der Mensch im Mittelpunkt
steht oder zumindest sehr stark involviert ist. Es muss auch innerhalb der
anthropogeographischen Kollegenschaft wahrgenommen werden, dass sich
Physische Geographie nicht in Flächenbildungstheorien oder Glazialgeomorphologie
erschöpft (s. oben / Forschungstehmen). Wir müssen zur Festigung der
Geographie als Ganzes in den eigenen Reihen uns auf unseren thematischen
Gemeinsamkeiten und Schnittstellen besinnen und diese bewusst pflegen –
die eingangs erwähnte ideologische Spaltung überwinden und die fachinterne
Apartheid abschaffen. Als Beispiel mag die
jüngste Hochwasserkatastrophe dienen: Zitat „Grundlage für die Verringerung des Hochwasserrisikos und zur Entwicklung
von Vorsorgestrategien sind fundierte naturwissenschaftliche Kenntnisse über
die Auslöser von Hochwässern sowie über die Prozesse und Faktoren, die zur
Entstehung von Überschwemmungen führen, sowie eine sorgfältige Analyse
historischer Ereignisse. Darauf aufbauend bedarf es ingenieur- und sozialwissenschaftlicher
Kenntnisse über technische Möglichkeiten und Handlungsoptionen zur
Reduzierung des Überschwemmungsrisikos. Die vielschichtige Diskussion über
die Rolle der Landnutzung, der Versiegelung des Bodens, der wachsenden
Weltbevölkerung sowie der allgemeinen Klimaänderungen als mögliche Ursachen
von steigendem Hochwasserrisiko zeigt deutlich, dass das Thema stark
interdisziplinären Charakter besitzt. Die Geographie als integrative Umweltwissenschaft
ist hier gefordert, einen entscheidenden Beitrag zur fächerübergreifenden
Lösung der anstehenden Fragen zu leisten.“ (Glaser & Mauser in
‚Geographie heute –für die Welt von morgen‘. Klett-Perthes; Gotha 2002) –
Dies wurde deutlich vor der jüngsten Hochwasserkatastrophe in Deutschland geschrieben. 3. Geographie als integratives Schul- und
Bildungsfach Geographie = besonders breit gefächerte Disziplin mit
einer Vielfalt an Fragestellungen Inhalt:
Brückenfunktion zwischen Gesellschaft und Natur-, Gesellschafts- und Ingenieurwissenschaften Mittelpunkt:
Wirkungsgefüge Mensch - Umwelt. à Fülle an Beispielen für raumbezogenes vernetztes Denken und das
Erkennen von (räumlichen) Systemzusammenhängen; fächerübergreifende Themen. Vorschläge
für eine Positionskorrektur der Schul-Geographie Mein
persönliches Postulat wäre, in der Diskussion um neue Lehrplaninhalte und
fachliche Orientierung folgende Aspekte zu beachten und Themen hinzuzufügen,
die auch die Schieflage zwischen Anthropogeographie und Physischer Geographie
beheben könnte. Ziel: Betonung der Schnittstelle Natur –
Mensch: Geographie als Fach für
Umweltlehre und Umwelterziehung etablieren à Förderung von Umweltverständnis (über ‚vernetztes
Denken‘ / = fächerübergreifender und fächerverbindender Lehrinhalt) à Vermittler und Förderer einer nachhaltigen Entwicklung unseres
Globus Voraussetzungen:
◙ Besinnung auf die Einheit des Faches (synthetischer
Erklärungsan-
satz) ◙ Stärkung des physisch-geographischen
und auch geologisch/geo-
physikalischen Basiswissens ◙ Naturwissenschaftlichen Anteil der Geographie nicht auf Kosten
der Humangeographie, sondern zu Lasten
diverser ‚Konkurrenzfächer‘
erweitern Fazit: Das Fach GEOGRAPHIE sollte um die
physisch-geographischen / geowissenschaftlichen Themen erweitert werden, die
es zur Umwelterklärung und Umwelterziehung befähigen. Es kann damit einen
elementaren Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung unserer Erde leisten. Das
Fach sollte nicht ausschließlich auf Umweltfragen i.e.S. beschränkt werden,
sondern die dezidierte Umweltdisziplin
im schulischen Fächercanon darstellen. Dies könnte der Part der Geographie
innerhalb gesamt-geowissenschaftlicher Bildung sein. (Weitere
Aspekte und Themen curricularer (um-)Gestaltung des Faches Geographie können
hier nicht abgehandelt werden. Ein kurzer Hinweis auf den ‚Spaßfaktor‘ Geographie
sei erlaubt. Geographie im Freizeit-, Reise- und Event-Bereich: Z.B. ist Wandern
wieder ‚in‘. Das Erkennen und sich selbst erklären können typischer Geländeformen,
Biotope im landschaftlichen Kontext, kulturlandschaftlicher Strukturen, bauliche
Stilelemente, damit ihre Zuordnung zu städtischen Entwicklungsphasen u. a. m.
sind durchaus gewünschte Fähigkeiten. Sie ein wenig zu beherrschen bereitet
elementaren Spaß. Wir müssen ihn vermitteln, denn „Man sieht nur, was man
weiß“ (J. W. v.Goethe)).
----------------------------------------- All’
das Gesagte mag ganz gut klingen und uns als Geographen zur Selbstbestätigung
und Selbstmotivation nützen,
aber....: Wer weiß das eigentlich, was wir alles können? Wer nimmt uns
die Kompetenz, die wir reklamieren, eigentlich ab? Hierzu ein Zitat aus dem
Rundbrief Geographie (VGDH) vom Juli 2002. Hier schreibt Susanna Bloß zum Thema
Titel: ‚Stiefkind Wissenschaft Geographie‘ und stellt die Frage „Was machen eigentlich
Geographen?“ (Nicht nur) nach ihrer Meinung herrscht in der Öffentlichkeit
ein sehr diffuses Bild, mit Verwechslungen, Klischees usw... Das Problem ist:
In Redaktionen der Medien ist Geographie kaum bekannt... (bezeichnende
Anmerkung: Anfang September wurde in der Tagespresse berichtet, dass eine:
UN-Kommission für Geographische Namensgebung tagte. In der Nachricht las man,
mehr als hundert 100 Geologen (!!) berieten über Vereinheitlichung
geographischer Bezeichnungen ...)
S.
Bloß schreibt weiter: „Wo sind sie also
nun, die fundierten geographischen Analysen zum Beispiel von aktuellen
Umweltthemen oder Bevölkerungsentwicklungen? Welche Geographen melden sich
mit ihrem geübten Blick für die Gesamtheit des geosphärischen Geschehens
regelmäßig und sachkundig zu Wort? Offenbar herrscht hier ein enormes
Defizit. ... Wenn die Geographie also nicht Gefahr laufen will, auf einem
Abstellgleis zu landen, muss sie ihre Inhalte verstärkt der Öffentlichkeit
vermitteln, um verstanden und als eigenständige Wissenschaft akzeptiert zu
werden. Denn gerade die Medien bestimmen, was thematisiert wird und somit
öffentlich diskutiert wird. Die Geographie muss den Medien verständlich
machen, dass für viele Praxisprobleme der Welt von heute geographische Problemlösungen
erforderlich sind. Hierbei gilt es, entsprechende Lösungskompetenzen und
Schlüsselfunktionen der Geographie, wie übergreifendes bzw. vernetztes Denken
oder interdisziplinäres Arbeiten hervorzuheben. Es liegt somit in großem Maße
an den Geographen selbst, sich ins Bild der Öffentlichkeit zu rücken.“ Manche
geographische Veranstaltung zum ‚Jahr
der Geowissenschaften‘ war in diesem Sinne sehr erfolgreich. Hier sei an
die Zentralveranstaltung zum Thema ‚Feuer‘ verwiesen, die Anfang Juni 2002 in
Köln im Rahmen der „Science Street“ durchgeführt wurde. Frau Prof. Dr. F.
Kraas berichtete von 9000 Besuchern, einem besonders großen Interesse an
geographische Themen deswegen, weil der Mensch involviert ist. Ihrer
Beobachtung nach kam deshalb in Öffentlichkeit das geographisch ausgerichtete Thema deutlich besser an als reine
Geowissenschaft. Dies zeigte das großes Medieninteresse an den präsentierten
Themen ‚Waldbrände, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Feuer in Städten und
Megastädten‘). Fazit: Ein großer Erfolg für die Geographie. Diesen o. a. Anstoß und Aufruf zu verstärkter
Öffentlichkeitsarbeit möchte ich gerne auch an Sie als Schulgeographen weitergeben.
Eine Renaissance geographischer Bildung braucht einen kräftigen und langen
Atem – länger als das ‚Jahr der Geowissenschaften‘! Anschrift: Prof. Dr.
Wolf Dieter Blümel Institut für
Geographie (Lehrstuhl für Physische Geographie) Azenbergstraße 12 D-70174
Stuttgart Email:
bluemel@geographie.uni-stuttgart.de ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Buchhinweis:
Geographie
heute – für die Welt von morgen
(hrsg. von E. Ehler und H. Leser) Klett-Perthes-Verlag (Perthes GeographieKolleg) Informationen
zum Jahr der Geowissenschaften: www.planeterde.de ----------------------------------------------------------------------------------------------------------------- |