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28. Deutscher Schulgeographentag Wien Begrüßung und Eröffnung durch Dr. Eberhard Schallhorn, 1. Vorsitzender VDSG Montag, 23. September 2002 Verehrte Ehrengäste, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und
Kollegen. Ich erkläre für den Verband Deutscher Schulgeographen den
28. Deutschen Schulgeographentag in Wien 2002 unter dem Motto „Brücken bauen.
Europa und die Erweiterung der EU - Aufgaben und Möglichkeiten für den
Geographieunterricht“ für eröffnet. Informieren, reflektieren, orientieren - wir hoffen, dass
auch dieser 28. Deutsche Schulgeographentag
diesen Ansprüchen gerecht wird, die auf dem Schulgeographentagsbanner
fixiert sind:
Ich wünsche Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass
Ihnen das alles zu Ihrer Zufriedenheit gelingen möge. Der Deutsche Schulgeographentag ist einer der beiden
großen Kongresse der deutschen Geographie. Er wird veranstaltet vom Verband Deutscher Schulgeographen und in
seinem Auftrag ausgerichtet durch den Ortsausschuss. Der Deutsche Schulgeographentag ist auf die Schule hin
orientiert, wo der Grundstein gelegt wird für den Erfolg und die Anerkennung
der Disziplin Geographie insgesamt. Die deutsche Hochschulgeographie und die
anderen Teilverbände der deutschen Geographie, die in der Deutschen Gesellschaft
für Geographie verbunden sind, auch die anderen Geowissenschaften und die
geowissenschaftlichen Fakultäten der deutschen Hochschulen haben inzwischen
verstanden: Ohne eine starke und lebendige Schulgeographie schwächelt die
deutsche Geographie insgesamt. Stark ist die Geographie dann, wenn sie in allen
Jahrgangsstufen und in allen Schularten mit zwei Wochenstunden vertreten ist.
Genau so, wie eine starke Schulgeographie die anderen
Bereiche der Geographie positiv beeinflussen kann, wirken die Hochschul- und
die angewandte Geographie wie die Geographiedidaktik an den
wissenschaftlichen und pädagogischen Hochschulen sowie den
Lehrerausbildungsseminaren durch die Qualität ihrer Arbeit und durch ihre
Öffentlichkeitsarbeit entscheidend auf die Schulgeographie zurück. Die deutschen Geographen ziehen alle an einem Strang. Alle
müssen in einer Gesellschaft, in der es gilt, selbstbewusst seinen Platz
einzunehmen und zu behaupten, gleichermaßen durch die Qualität ihrer Arbeit
wirken, darüber berichten und durch Sachverstand beeindrucken. Der Zusammenhalt in der deutschen Geographie hat sich aus
der Sicht der Schulgeographie nach der Bildung der Deutschen Gesellschaft für
Geographie grundlegend verbessert. Ich freue mich darüber, besonders
deswegen, weil auch ich manchmal von Zweifeln geplagt war und zeitweise noch
bin, ob der hohe finanzielle Part, den der Verband Deutscher Schulgeographen
innerhalb der DGfG spielen muss, den ideellen Gewinn aufwiegt. Ich meine, dass das der Fall ist und der eingeschlagene
Weg richtig ist. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geographie,
Herr Professor Dr. Peter Meusburger, kann an diesem Kongress wegen einer
nicht verschiebbaren Reise nach Japan nicht teilnehmen. Er bedauerte das mir
gegenüber ausdrücklich, und das Bedauern ist ehrlich: Er hat uns schon
bewiesen, dass er, wann immer es ihm möglich ist, sogar in abgelegene Winkel
Deutschlands eilt, um die Schulgeographie zu stärken. Herr Meusburger wünscht
dem Kongress einen schönen und erfolgreichen Verlauf. Er hat mich gebeten, in
meiner Eigenschaft als derzeitiger Schatzmeister der DGfG das Präsidium hier
zu vertreten. Es ist nicht außergewöhnlich, liegt aber durchaus im
Rahmen des Besonderen, wenn der Deutsche Schulgeographentag im
deutschsprachigen Ausland stattfindet. Wir waren Gast im schweizerischen
Basel im Jahre 1982 und sechs Jahre später in Österreichs Perle Salzburg,
1988. Die nunmehr 14 Jahre zurückliegenden Erfahrungen der österreichischen
Kolleginnen und Kollegen mit den Gästen aus Deutschland waren wohl nicht
dergestalt, dass sie uns säuerlich hinterher gewunken haben wie endlich los
gewordenen Verwandten nach etwas zu langem Besuch. Ganz im Gegenteil, nach dem erfolgreichen Deutschen
Schulgeographentag in Salzburg 1988 intensivierten sich die Kontakte zwischen
den Schulgeographinnen und Schulgeographen aus beiden Ländern, nicht zuletzt
dank unseres unermüdlich scheinenden österreichischen Kollegen Herrn Magister
Franz Forster. Er hat den Kongressort Wien 2002 angeregt. Zusammen mit Herrn Professor
Dr. Wohlschlägl hat er dann mit dem Team im Ortsausschuss in enger Absprache
mit dem geschäftsführenden Vorstand und dem Gesamtvorstand des VDSG den 28.
Deutschen Schulgeographentag in Wien so weit gebracht, dass wir ihn heute in
diesem festlichen und ruhmreichen Ambiente eröffnen können. Lieber Herr Forster, lieber Herr Wohlschlägl, immer noch
hat die Arbeit kein Ende, aber Licht wird am Ende des Tunnels sichtbar. Im Namen des Verbandes Deutscher Schulgeographen und auch
ganz persönlich danke ich Ihnen und Ihrem Team für die vielen Stunden, die
Sie bisher schon für das Gelingen dieses Kongresses aufgewendet haben. Ich
wünschte mir, dass sich bei Ihnen die eine Waagschale mit der Freude darüber,
dass mehr als 1000 Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Österreich und
dem jeweils angrenzenden Ausland den Weg nach Wien gefunden haben, tiefer
neigt, weil sie schwerer wiegt, als die andere mit dem ausgestandenen, aber
sicherlich bei der Vorbereitung zu solch einem Kongress unvermeidlichen Kummer,
den Sorgen, dem Ärger, Frust und Stress, weswegen Sie heute morgen beim Blick
in den Spiegel vielleicht einige graue Haare mehr hier und kleine
Gesichtsfurchen zusätzlich dort feststellen mussten. Ohne Bereitschaft, sich für unsere Schülerinnen und Schüler,
unsere Schule sowie für das Fach einzusetzen und ohne das dementsprechend
konsequente Handeln ist der Lehrerberuf nicht wirklich denkbar. Für diese
Bereitschaft und dieses Handeln haben Sie in vorbildlicher, verantwortlicher
Weise ein Beispiel gegeben. Dafür danke ich Ihnen allen im Ortsausschuss und
Ihnen, lieber Herr Forster, lieber Herr Wohlschlägl. In den Dank schließ ich ausdrücklich die Familien ein, die
teilhatten am Fortgang der Vorbereitungen und Verzicht üben mussten. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich begrüße Sie alle
herzlich als Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 28. Deutschen
Schulgeographentages in Wien. Sie sind die gewichtigste Gruppe, die Anteil am
Zustandekommen eines solchen Kongresses hat: Was wäre ein Schulgeographentag
ohne Teilnehmer? Nichts. Ich freue mich, dass Sie selbst es sich ermöglicht haben
oder dass es Ihnen ermöglicht wurde, diese bedeutendste
Fortbildungsveranstaltung der deutschen Schulgeographie zu besuchen. Ich
betone immer wieder, weil ich überzeugt davon bin: Wer als Schulbehörde Sie
hierher beurlaubt hat, bekommt eine informierte und neu motivierte Lehrkraft
zurück. Die Beurlaubung zum Deutschen Schulgeographentag lohnt
sich für Sie, die Teilnehmenden, und wirkt zurück auf Ihre Schule und Ihre
Schülerinnen und Schüler. Zu kurz denkt der, der fortbildungswilligen
Kolleginnen und Kollegen die Teilnahme hier versagt. Dieser Deutsche Schulgeographentag wird in enger
Kooperation mit der Universität Wien und ihrem Institut für Geographie und
Regionalforschung veranstaltet. Ich freue mich über diese Kooperation und
bedanke mich für alle Hilfe und Unterstützung auch von dieser Seite herzlich.
Mein Willkommensgruß und unser Dank geht von hier aus auch
an alle anderen Helfer, die die Veranstaltung ermöglichen, und vor allem an
die eher im Hintergrund bleibenden Sponsoren und an die Verlage, die - so scheint es - erneut
keine Mühen gescheut haben, Sie, die Teilnehmenden, umfassend über das Lehr-
und Lernmittelangebot zu informieren. Herzlichen Dank dafür. Sehr geehrte Damen und Herren Vertreter ihrer
Schulbuchverlage, Ihre Lehrbücher, Atlanten und Unterrichtsmaterialien geben
beredtes Zeugnis ab für die Attraktivität und Aktualität unseres Faches. Aber es hilft nichts, TIMSS und PISA und ein neuer
Kultusminister hier oder ein Klippert dort sägen an den bisherigen
Lehrplänen, führen zu Neuem, das Ihre Autorenteams unverdrossen in neue Texte
und Ihre Redakteure in neue Schulbücher umsetzen. Hier wird Hand in Hand
gearbeitet, herzlichen Dank an Sie, die Verlage, für Ihr Engagement im Fach
Geographie. Manchmal - so wäre
kritisch zu vermerken - wird dabei von politischer Seite agiert, ohne auf das
Ende zu achten, ohne an die finanzielle Potenz der Abnehmer Ihrer Produkte zu
denken, also die der Gemeinden, der Schulen, der Eltern. Wenn die Lehrpläne
aller Fächer innen und außen, inhaltlich und methodisch neu gefasst werden
und per Computerunterschrift zu einem einzigen Termin in Kraft gesetzt werden
- wer kann denn dann alle neuen Bücher auf einmal anschaffen? Und wie steht
es mit den erforderlichen Lehrbüchern
für Fächer, die im Bewusstsein der Schulöffentlichkeit nicht als Hauptfächer
gelten? Zu diesen Fächern gehört in Deutschland bekanntermaßen noch immer die
Geographie. Und wir müssen uns dann erst einmal hinten anstellen, obwohl der
Bedarf an aktuellen Unterrichtsmaterialien bei uns besonders groß ist. Unglaublich aber wahr: In diesen Tagen las ich über eine
Schule, in deren Geographiebüchern immer noch die DDR und die Berliner Mauer,
Jugoslawien und die Sowjetunion herumspuken, weil zum Ersatz wieder kein Geld
da gewesen ist, denn die Bücher für die neu eingeführte Kursstufe hatten
Vorrang. Das sind dann die Meldungen, die über die Geographie in den
Zeitungen erscheinen. Bitte sorgen Sie alle dafür, dass über Ihre Schule in
dieser Weise nicht berichtet wird. Einzuflechten wäre beim Stichwort „PISA“ der neidvolle
Glückwunsch für den guten Platz Österreichs im Ländervergleich weit vor
Deutschland. Vielleicht hätten unsere Schüler ja Sie, liebe Österreicher, im
geographischen Denken weit abgeschlagen - das wurde indes einer Evaluation
nicht unterzogen. Die Geographie in der Schule in Österreich und Deutschland
unterscheidet sich voneinander. Während Sie in Österreich insbesondere auf
den Zusammenhang mit der Wirtschaftslehre setzen und damit in der
Kultuspolitik Erfolg haben, setzen die deutschen Schulgeographen nach wie vor
auf den Zusammenhalt zwischen Physischer Geographie und Anthropogeographie.
Darin eingeschlossen sind volkswirtschaftliche Inhalte. Ihr Weg, liebe
österreichischen Kollegen, sieht erfolgreicher aus. Manche sprechen davon - und da findet sich, in anderer
Weise als gemeint, das Motto dieses Schulgeographentages wieder -, die
Geographie sei nicht allein in der Schule Brückenfach zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften
sowie Integrationsfach für die anderen Geo-, Natur- und
Gesellschaftswissenschaften. Es bleibt zu bedenken, dass das Angebot, Brücke
zu sein und Integration zu bieten, auch eine Nachfrage voraussetzt. Hier sind
sich leider die deutschen Geowissenschaften nicht ganz darin einig, das
Angebot anzunehmen, und die anderen Fächer bemerken mit immer größerem
eigenen Erstaunen, dass ihre Inhalte mit dem Bezug auf den Menschen und auf
den Raum selbst erheblich an Aktualität und Anschauung gewinnen. So werden beispielsweise klimatologische Inhalte zunehmend
in der Physik behandelt, bodenkundliche und vegetationsgeographische in der
Biologie, hydrologische in der Chemie. Das Fach Religion hat schon seit
längerer Zeit das Thema „Entwicklungsländer“ als das Seine adaptiert. Die
Geschichte bezieht unter dem Schlagwort „Big History“ zunehmend wirtschaftshistorische Inhalte
und den Raum ein - den manche Geographen wiederum abschaffen wollen - , die
Gemeinschaftskunde behandelt Industriestandorte. In den Fremdsprachen wird
die in der Geographie oft verpönte Landeskunde der Länder behandelt, in denen
die jeweilige Sprache gesprochen wird. Im Sport läuft man beim
Orientierungslauf nach der Karte und mit dem Kompass, möglicherweise schon
mit dem GPS-Gerät durch den Wald, im Fach Kunst werden Karten gezeichnet, die
Musik erläutert Land und Leute der Länder, aus denen die Lieder stammen, die
gerade gesungen werden. Der Geographie immanenter fachübergreifender
Unterricht und fächerverbindendes Lernen sind ohnehin geforderte Prinzipien
heutigen Unterrichts, und dabei war Unterricht ohne Blick über den Tellerrand
des eigenen Faches eigentlich nie guter Unterricht. Die Trennung zwischen den
angestammten Inhalten der einzelnen Fächer wird heute zunehmend faktisch
aufgehoben, und dem Integrationsfach Geographie drohen wesentliche Inhalte
abhanden zu kommen. Nun könnte man das unter dem Stichwort „postmoderne
Beliebigkeit“ oder „kultusbürokratische Zielorientierung ohne allzu große
praktische Bedeutung für den Schulalltag“ einordnen und abhaken, denn
weiterhin erfolgt der Fach- und Lehrerwechsel meistens mit dem
Klingelzeichen. Wäre da nicht das Stichwort vom fachfremden Unterricht und
die Redensart vom Schuster, der bei seinem Leisten bleiben soll. Insofern bleibt
unsere Forderung in Übereinstimmung mit der Internationalen Charta der
geographischen Erziehung der International Geographical Union bestehen, nach
der der zweistündige Geographieunterricht in allen Jahrgangsstufen und allen
Schularten auf dem Wege des Jugendlichen in das unabdingbar ist, was einmal
Mündigkeit hieß, heute vielleicht eher Verantwortlichkeit und
Selbstbestimmtheit des Erwachsenen heißen mag. Gefragt werden müsste allerdings einmal nach der
objektiven Berechtigung für drei Unterrichtsstunden oder mehr für ein Fach hier und nur eine oder keine
für ein anderes Fach dort, gefragt werden müsste auch einmal nach der
objektiven Berechtigung für die Einteilung der Fächer in Hauptfächer und
Nebenfächer. Vielleicht kann unser aller Ziel, die geographische
Bildung zu verbessern, tatsächlich nicht mehr nur am Schulfach festgezurrt
werden. Es gibt eine Vielzahl von Bereichen in der Schule und in
der Öffentlichkeit in unserem Umfeld, die durch die Mitwirkung der Geographie
zur geographischen Bildung beitragen können, z. B.:
„Brücken bauen - Europa und die Erweiterung der EU“: Hier
bieten sich tatsächlich Aufgaben und Möglichkeiten für den
Geographieunterricht. Wir wissen alle, dass wegen des geringen
Geographieunterrichts Südost - und Ostmitteleuropa im Unterricht weitaus zu
kurz kommen. Dabei existiert gerade den Ländern gegenüber, die der EU in
nächster Zeit beitreten wollen und sollen, ein erschreckend hohes Maß an
geographischer Unwissenheit gepaart mit immer dümmer werdenden Vorurteilen.
Wir Geographielehrerinnen und Geographielehrer sollten Partei ergreifen für
diese Staaten und Unwissenheit sowie Vorurteile zu beiseitigen helfen:
Klassenfahrten, Schüleraustausche, Exkursionen müssen nicht immer nur nach
Westen und Süden gehen, müssen auch nicht immer nur sprachlichem oder
musischem, sondern können auch gesellschaftswissenschaftlichem und geographischem
Interesse dienen. Der Widerstand der Schüler, eine Fahrt nach Osten zu
unternehmen, erscheint zunächst unüberwindbar - und je weiter westlich wir
selbst unseren Schulort haben, desto stärker sind die aus Vorurteilen
abgeleiteten Einwände. Wir können mit unserem Fachwissen und unseren
pädagogischen Möglichkeiten und Fähigkeiten hier im Sinne der europäischen
Integration wirkungsvoll eingreifen. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass aus guten
Gründen auch die Bildung eines gesellschaftswissenschaftlichen Profils für
das Gymnasium auf dem Tisch liegt, in dem dann auch die Geowissenschaften als
Schwerpunkt angemessen vertreten sind. Unglaublich ist, dass die
Kultuspolitik in Baden-Württemberg beispielsweise ein solches Gymnasium wegen
vermeintlich zu geringen Anforderungen als mögliches Sammelbecken für die
besonders schwachen Schülerinnen und Schüler ansieht und es deswegen ablehnt.
Schule ist der Ort, an dem Kinder und Jugendliche lernen,
unterrichtet zu werden. Der Göttinger Pädagoge Hermann Giesecke, der 1999 in
Hamburg unser Gast war, sagte uns und ich möchte Ihnen dies auch für den
Geographieunterricht zu bedenken geben: „Ohne Unterricht kann es unter
unseren gesellschaftlichen Bedingungen keine erfolgreiche und befriedigende Teilhabe
an den gesellschaftlichen Möglichkeiten geben. (...) Die Fähigkeit, sich
unterrichten zu lassen, muss (...) heute von möglichst allen gelernt werden
(...), und diese Fähigkeit ist durch nichts anderes zu ersetzen. (...) Das Nachdenken über Schule muss (...)
primär bei der Lehrbarkeit der Sachen beginnen und nicht bei der
Lernbereitschaft der Lernenden, bei deren Motiven und Interessen z.B.; die
können sich ändern wie das Wetter. (...).“ Die Schleusen für sogenannte oder tatsächliche
Innovationen für Schule und Unterricht sind zur Zeit weit geöffnet. Weizen
ist dabei, aber auch Spreu. Es fehlt allerdings der Nachweis, dass das
Andere, das oft aufwendige Neue oder das Alte in neuen Schläuchen zu besserem
Erfolg des Unterrichts führen, der sich in Wissen und Handeln der
Schülerinnen und Schüler manifestiert. Es gilt, mit unserem – mit Ihrem -
Fachverstand, mit mutigem Vertrauen in unsere Fähigkeiten und unsere
Erfahrung Scharlatanerie, Schickimicki und tatsächlich Hilfreiches und
Förderliches zu unterscheiden und entsprechend zu verlesen. Im Jahre 1999 beging der Verband Deutscher Schulgeographen
mit Gästen von der Hochschulgeographie, der Fachdidaktik und der Pädagogik
den 50. Jahrestag der Neugründung des Verbandes nach dem Zweiten Weltkrieg,
damals 1949 in Jugenheim an der Bergstraße. Vor drei Jahren kam ich vor der
festlich versammelten Geographengemeinschaft auf den Gedanken, man könne sich
ja zum Geburtstag auch etwas wünschen: Ich wünschte mir unter anderem von der
Fachdidaktik, nach dem Beispiel der National Geography Standards in den USA Bildungsstandards für die
deutsche Geographie zu erarbeiten. Eine von den Zielen des
Geographieunterrichts überzeugte Fachdidaktik könnte das leisten,
Geographielehrerinnen und Geographielehrer mit vollem Deputat nebenher am
Nachmittag wohl kaum. Von Seiten unserer Fachdidaktik ist mein
Geburtstagswunsch nicht erhört worden. Heute, drei Jahre später, werden in
den Kultusministerien die Arbeiten zur Formulierung von Bildungsstandards
angetrieben. Kolleginnen und Kollegen, die daran beteiligt sind, können davon
ihr Liedchen singen. Die wirklichen Neuerungen, die auf uns Lehrerinnen und
Lehrer zukommen, sind von vielem vordergründigen Aktionismus noch ziemlich
verdeckt: Die Neurologen konfrontieren uns mit spannenden Erkenntnissen über
die Abläufe des Lernens, die Unterricht, auch den in Geographie,
möglicherweise tatsächlich verändern werden. Die Geographiedidaktik muss uns
durch die Adaption der evolutionären Pädagogik baldmöglichst auf die
richtigen Geleise stellen. In der Wochenzeitung
DIE ZEIT fand ich den erstaunlichen Hinweis, Geographie treibe viele
Schüler überall auf der Welt zum Schwänzen. Wenn das so gewesen oder immer
noch sein mag, dann ist es unsere Schuld, denn Geographie kann heute und
gerade im „Jahr der Geowissenschaften“ und zu Zeiten der „Globalisierung“
eigentlich nur spannend sein. Aber Geographieunterricht hat viel mit
Aktualität und politischem Geschehen zu tun. Und die neueste Shell-Studie
bescheinigt den Jugendlichen von heute nur wenig Interesse am aktuellen
Zeitgeschehen, obwohl sie sich engagiert in von ihnen selbst ausgesuchten
Bereichen für die Gemeinschaft einsetzen, also durchaus politisch handeln.
Manchmal aber kommt es mir vor, dass die Schülerinnen und Schüler dem
Geschehen der Steinzeit mehr Bedeutung für heute zumessen als dem, was um sie
herum jetzt geschieht. Indem wir das Interesse für das Jetzt wieder verstärkt
wecken, können wir ansetzen, geographische Bildung zu verbessern. Zum Glück gibt es inzwischen vereinzelt, aber immerhin sogar auch von außerhalb des Verbandes
öffentlich Warnungen davor, das Fach Geographie und geographische Bildung zu
vernachlässigen. In der letzten Ausgabe des Jahres 2001 der renommierten
Zeitschrift „Wirtschaftswoche“ schrieb Christian Deysson einen Artikel über
die „Renaissance der Geographie im Zeichen der Globalisierung von Wirtschaft,
Kultur und Terror“. Mit seinen mahnenden Worten möchte ich schließen, nicht
ohne Ihnen allen vorher noch einmal eine erfolgreiche Tagung, einen schönen
Aufenthalt in der gastgebenden Stadt Wien und zahlreiche anregende und
informative Gespräche unter Kolleginnen und Kollegen gewünscht zu haben.
Deysson schrieb am Schluss seines Beitrages: „Das Ende der Geographie? Nichts
könnte falscher sein! Die Akzente mögen sich verschoben haben, aber
Geographieverständnis ist heute wichtiger und geographischer Analphabetismus
gefährlicher als je zuvor. (...) Eine Gesellschaft, die keine Ahnung vom Raum
hat, in dem sie sich bewegt, tappt im globalen Dorf fast noch dümmer herum als
eine, die nicht richtig schreiben und lesen kann.“ |